Auf einen Kaffee mit Katharina Horn, Kiwu-Beraterin und Solomama

Das heutige Interview hat mich zumindest virtuell wiedermal nach Deutschland geführt, genauer gesagt nach Berlin. Katharina Horn ist dort Kinderwunschberaterin, mit dem Schwerpunkt Solomutterschaft – denn sie ist selbst seit zwei Jahren Solomama.

Frauen, die alleine ein Kind bekommen möchten, müssen ja genau genommen durch ein ähnliches Prozedere wie wir unfruchtbaren Frauen mit unserem Kinderwunsch. Voruntersuchungen, Insemination, eventuell IVF. Aber: „Nicht selten geht es bei den alleinstehenden Frauen viel schneller als gedacht! Ich war schon nach dem zweiten Versuch schwanger“, erzählt Katharina Horn im Interview. Da wird unsereins mit der Diagnose „Unfruchtbarkeit“ ganz blass vor Neid und ich frage mich natürlich gleich, ob es doch vielleicht doch an der sinkenden Spermaqualität liegt? „Aber natürlich gibt es auch Frauen mit gesundheitlichen Einschränkungen, bei denen es länger dauert, oder bei denen es gar nicht klappt.“, ergänzt Katharina Horn. Sie erzählt im Interview von ihren eigenen Erfahrungen und ihrem Werdegang.

Christina: Wie ist es bei dir dazu gekommen, dass du Kinderwunschberaterin mit Schwerpunkt Solomamas geworden bist? Du hast ja auch selbst ein Kind alleine bekommen?

Katharina: Naja, mit Mitte 30 wurde mein Kinderwunsch immer größer, und wenn die 40 dann gefühlt immer näher rückt, macht frau sich Gedanken. Meine Mutter war schon sehr früh in den Wechseljahren und ich dachte, ich muss mich jetzt langsam beeilen. Ich ging auf Partnersuche. Das war natürlich Plan A, das in der Partnerschaft zu lösen. Ich bin aber ein Kopfmensch, und begann, das alles abzuwägen. Einen Partner zu suchen und gleichzeitig die „potentieller-Vater-Lupe“ anzulegen, das hat mich überfordert. Viele potentielle Partner kamen dann nicht mehr in Frage. Dann kam mir die Idee, mit zwei schwulen Männern ein Kind zu bekommen und nach dem Modell der Co-Elternschaft zu leben. Aber ich habe ehrlich gesagt schon für die „leichtere“ Entscheidung für eine*n WG-Mitbewohner*in so viel Zeit gebraucht. Wie oft müsste ich mich mit jemanden treffen, damit ich mich am Ende wirklich sicher für diese eine Person als Co-Vater entscheiden kann? Das war nicht mein Weg.

Dann kam mir die Idee, mit zwei schwulen Männern ein Kind zu bekommen und nach dem Modell der Co-Elternschaft zu leben. Aber ich habe ehrlich gesagt schon für die „leichtere“ Entscheidung für eine*n WG-Mitbewohner*in so viel Zeit gebraucht. Wie oft müsste ich mich mit jemanden treffen, damit ich mich am Ende wirklich sicher für diese eine Person als Co-Vater entscheiden kann?

Der Stein des Anstoßes war eine Freundin, die selbst Probleme mit dem Kinderwunsch hatte: „Du, das kannst du auch alleine durchziehen! Geh da mal hin! Diese Kinderwunschklinik behandelt auch Singles“. Ich habe das dann recherchiert, einen Termin ausgemacht, die Untersuchungen gemacht, die wir alle kennen. Und da sah alles gut aus! Ich musste dann auch eine Garantieperson angeben. Das war eine klinikeigene Entscheidung, mit der Sorge umzugehen, dass der Samenspender oder die Klinik verklagt wird. Für den Fall meines Todes wird eine Garantieperson unterhaltspflichtig für mein Kind. Dafür habe ich eine gute Freundin gefragt, die auch ohne zu zögern, „Ja“ gesagt hat. Ich war ehrlich gesagt zu Tränen gerührt, mit dieser schnellen Antwort hatte ich nicht gerechnet. Ob das allerdings vor Gericht bestand hätte, bezweifle ich heute mittlerweile stark. Trotzdem belastet es mich noch immer, in der Schuld dieser Freundin zu stehen, auch wenn sie mir das jedes Mal ausreden will.

Ich wusste auch damals gar nicht: Wo kann ich mich hinwenden mit diesen Fragen? Die Kinderwunschzentren bieten diese Möglichkeit, aber sind ja keine rechtliche oder persönliche Beratung zum Thema.

Christina: Wie hat denn dein Freundeskreis und die Familie damals reagiert?

Katharina: Sehr gut! Meine Familie war gar kein Problem, meine Mutter hat sich auch über ein Enkelkind gefreut. Manche haben vielleicht nicht gedacht, dass ich das wirklich durchziehe. Nur eine Freundin hat mal eingeworfen: „Dein Kind wird immer Probleme mit seiner Identität haben“ Das hat mich schon sehr getroffen. Heute trifft mich dieser Vorwurf nicht mehr. Ich habe gelernt, auf gewisse Vorurteile zu reagieren. Ich habe zudem auch viel gelesen. Es gibt da ein tolles Buch von Christina Mundlos „Dann mach ich es halt allein“. Sie beschreibt, wie absurd es doch ist, dass viele sich auf das traditionelle Bild einer Kleinfamilie berufen, wobei dieses Modell überhaupt nicht alt ist, sondern erst der Zeit der Industrialisierung entstammt.

Aber 95 % des Umfelds haben mich bei meinem Kinderwunschweg unterstützt. Nur beim entfernteren Umfeld war es schwieriger, darüber zu sprechen. Leute, mit denen ich eigentlich die ganze Zeit nichts Persönliches besprochen habe, wollten dann plötzlich wissen, wer der Vater ist. Da ist es wichtig, Grenzen zu ziehen. Ich bin nicht jedem zur Antwort verpflichtet. Gleichzeitig ist es für das Kind wichtig zu spüren: „Für Mama ist das normal, für mich auch.“

Leute, mit denen ich eigentlich die ganze Zeit nichts Persönliches besprochen habe, wollten dann plötzlich wissen, wer der Vater ist. Da ist es wichtig, Grenzen zu ziehen. Ich bin nicht jedem zur Antwort verpflichtet. Gleichzeitig ist es für das Kind wichtig zu spüren: „Für Mama ist das normal, für mich auch.“

Christina: Wie ist es dann weitergangen, hast du dir Beratung oder Hilfe gesucht?

Katharina: Ich habe mich an den Verein der Alleinerziehenden gewandt. Dort gibt es zum Beispiel auch einen Geburtsvorbereitungskurs für Alleinerziehende. Sonst sind ja da immer die Paare gemeinsam – deshalb gibt es eigene Kurse. In meinem Kurs waren 16 Frauen, 4 oder 5 waren Solomamas, die ein Kind durch Samenspende erwarteten. Mir hat das so gutgetan, mich auszutauschen und zu vernetzen! Dann gab es ein Vernetzungstreffen für Solomütter: Hier habe ich gesehen, es gibt so viele Frauen, die den gleichen Weg gehen.

Mir hat das so gutgetan, mich auszutauschen und zu vernetzen! Dann gab es ein Vernetzungstreffen für Solomütter: Hier habe ich gesehen, es gibt so viele Frauen, die den gleichen Weg gehen.

Ich habe für die Treffen ein bisschen die Koordination übernommen, mit der E-Mail Liste etc. Und daraus ist dann der Kontakt zu einem größeren Kreis von Solomamas entstanden. Da war dann mein Sohn auch schon auf der Welt. Als mein Sohn ca. zwölf Monate alt war, habe ich dann gemerkt, wie ich „kognitiv verdurste“. Ich war zwar in vielen Kursen, im Familienzentrum usw. Aber da waren eben immer nur Kinder das Thema. Ich habe mich regelrecht gesehnt nach fachlichem Input und Austausch. Leider habe ich dann nicht sofort einen Kita-Platz in Berlin bekommen. Bei meiner Recherche, was ich machen könnte, bin ich irgendwann auf den BKiD gestoßen, das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland. Das war eine Erkenntnis: Da gibt es Menschen, die Frauen im Kinderwunsch beraten! Das war so ein schönes Angebot, das hätte ich damals auch gebraucht. Und dann dachte ich: interessant, ich bin ja Sozialarbeiterin und mit der Ausbildung zur klinischen Sozialarbeit, das passt ja perfekt! Ich habe dann erst nebenberuflich in der Elternzeit begonnen, mittlerweile bin ich fast voll selbständig.

Christina: Wer kommt denn zu dir?

Katharina: Zu mir kommen in erster Linie alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch. Die Geschichten dahinter sind dann ganz unterschiedlich. Manchmal sind es Frauen die im Modell der Co-Elternschaft leben oder leben wollen, mit ein oder zwei Co-Papas. Genauso gibt es Frauen, die einen Partner haben, aber trotzdem das Kind alleine bekommen wollen, weil der Partner nicht bereit für ein Kind ist. Es kommen aber natürlich auch Paare zu mir. Meistens sind es aber Frauen oder Paare, die den Weg der Samenspende gehen. Und besonders beim Thema Samenspende für alleinstehende Frauen gibt es rechtlich betrachtet einige Aspekte zu bedenken.

Rechtlich am einfachsten ist es mit einer Samenspende, wenn sie im Samenspenderegister erfasst wird. Der Samenspender kann dann nicht auf Unterhalt verklagt werden und hat auch keinerlei Rechte, die er später einklagen könnte z.B. auf Umgang oder Sorgerecht. Bei einem Privatspender wird es schon schwieriger. Schriftliche Vereinbarungen sind vor Gericht letztlich nicht haltbar. Ich sehe dann auch, dass die Frauen totunglücklich sind und da nicht mehr rauskommen, wenn sich die Beziehung zum Spender ändert. Schlimmstenfalls klagen die Spender oder Co-Väter dann das Sorgerecht ein. Das ist für dir Frauen oft ein großer Schock, weil es ursprünglich anders abgesprochen war.   

Rein rechtlich betrachtet ist der Weg über die Kinderwunschklinik und Samenbank hinsichtlich der Sorgerechts- und Unterhaltsansprüche klar geregelt und sicher. Aber nicht jede Klinik behandelt alleinstehende Frauen, hier gelten noch unterschiedliche Regelungen, je nach Bundesland und auch je nach Samenbank. Viele Frauen, die ich berate, fahren durchs ganze Land, manche sogar immer noch ins Ausland. Da stecken oft viel Geld und Aufwand dahinter.

Rechtlich am einfachsten ist es mit einer Samenspende, wenn sie im Samenspenderegister erfasst wird. Der Samenspender kann dann nicht auf Unterhalt verklagt werden und hat auch keinerlei Rechte, die er später einklagen könnte z.B. auf Umgang oder Sorgerecht.

Christina: Apropos Geld: wie sieht es denn mit der finanziellen Absicherung aus?

Katharina: Als Solomama bist du Alleinerziehende. Du hast die gleichen Ansprüche wie Alleinerziehende, bis auf den Unterhaltsvorschuss vom Staat. In der Praxis ist das noch alles sehr neu für die Verwaltung. Ich würde mal sagen, Deutschland hat den bürokratischen Umgang mit diesem Familienmodell noch nicht gefunden. Mittlerweile gibt es aber auch Anwält*innen, die sich aufs Thema spezialisiert haben.

Christina: Wie sieht deine Beratung genau aus? Wann steigst du ein?

Katharina: Ich berate Frauen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz, veranstalte Workshops, Coachings, Fortbildungen und Infoveranstaltungen. Vernetzung ist mir sehr wichtig, daher organisiere ich Vernetzungstreffen und es gibt eine Facebook-Gruppe für Solomütter sowie eine Facebookgruppe für Co-Mamas, die ich gemeinsam mit Jennifer von planningmathilda und Expertin für die Familienform der Co-Elternschaft moderiere. In meinem Newsletter berichte ich über aktuelle Themen, sammle Fragen, biete einen Austausch für Solomütter und informiere über aktuelle Veranstaltungen.

Die Beratung beginnt manchmal bei der grundsätzlichen Entscheidung: Darf ich mich das trauen? Welchen Weg soll ich gehen: Solomama, Co- Mama – oder doch ein anderer Weg? Wie muss ich mich auf ein Leben als Solomama vorbereiten? Aber auch wann höre ich auf und wie kann mir ein Abschied gelingen, wenn es nicht klappt? Was brauche ich, um die Zeit durchzustehen? Wie kann ich mir das körperlich und finanziell noch leisten? Allein diese Frage der Finanzierung ist oft schwer zu stemmen. Das Schlimme ist ja auch, dass sich die Frauen oft in einem Alter befinden, wo alle rundherum Kinder kriegen. Vielen Frauen fällt es dann schwer, mit ihren Freund*innen über ihren Kinderwunsch zu reden.

Wenn es geklappt hat, sind da dann wieder ganz andere Fragen: Wie kläre ich mein Kind auf? Wie sag ich’s meinem Umfeld? Wie sag ich’s meiner Mama? Wie geh ich in der Kita damit um? In der Schule? Was mache ich, wenn mein Kind gedisst oder gar gemobbt wird? Ich möchte die Beratung und Unterstützung anbieten, die mir damals gefehlt hat.

Christina: Vielen lieben Dank für das spannende Interview!

Hintergrund zur Rechtslage

In Österreich ist die Behandlung alleinstehender Frauen gemäß Fortpflanzungsmedizingesetz verboten. Manche Kinderwunschzentren kooperieren aber mit anderen europäischen Ländern, diediese Behandlung erlauben.

In Deutschland gibt es beispielsweise einige Samenbanken und Kinderwunschkliniken, die – trotz der lückenhaften Gesetzeslage – auch Singles mit Kinderwunsch behandeln. Daneben bieten sie Beratungsleistungen zu den Kosten, der Spenderauswahl, sowie den Herausforderungen, auf die sich eine alleinstehende Frau mit Kinderwunsch gefasst machen sollte, an. (Quelle:https://www.dein-kinderwunsch.com/themen/singles-mit-kinderwunsch#Gesetzeslage). Mehr Infos auch hier: https://www.solomamapluseins.de/kinderwunschkliniken-und-kinderwunschpraxen-singles-insemination-iui-in-vitro-fertilisation-ivf-eizellspende/

Weitere Lesetipps

Hier findest Du nochmal was  zur „Solomutterschaftstheorie“:

3 Gedanken zu “Auf einen Kaffee mit Katharina Horn, Kiwu-Beraterin und Solomama

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