Mein Artikel auf derstandard.at

Am 24. September 2020 ist mein Artikel auf derstandard.at erschienen. Hier ist der Text nochmals im Wortlaut – auch weil er eine gute Zusammenfassung von meiner medizinischen Geschichte ist.

Von wegen natürlichste Sache der Welt

Seit mehr als zweieinhalb Jahren versuche ich, schwanger zu werden. Vier Inseminationen und einen IVF-Versuch später ist noch immer kein Kind geboren

Mittlerweile hasse ich schwangere Frauen. Es ist nichts Persönliches, es hat mit ihrem Zustand zu tun. Nach zweieinhalb Jahren erfolglosen Wartens auf eine Schwangerschaft, vier Inseminationen und einer In-Vitro-Fertilisation (ICSI) ist es mir leider nicht mehr möglich, mich über den Kindersegen anderer zu freuen. Ein bisschen anders ist es bei nahen Freundinnen, aber schwangere Frauen generell – nein, die machen mich wirklich aggressiv. Angeblich ist Zorn die zweite der fünf Trauerphasen, hoffentlich ist das normal.

Ich bin mit dem unerfüllten Kinderwunsch nicht alleine. Je nach Rechnung sind 10 bis 20 Prozent der Paare davon betroffen. Ich habe in den vergangenen Jahren genug Pärchen kennengelernt, die auch im privaten Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis davon betroffen waren. Denken Sie bitte das nächste Mal daran, wenn Sie vorhaben, die „harmlose“ Frage zu stellen: „Und, wann ist es bei euch soweit?“ Ein Bekannter wollte unbedingt wissen, was da denn los sei mit der Kinderzeugung. Als ich dann meinte „Naja, die bestellt man ja nicht einfach auf Amazon“, war er knapp davor, mir eine Nachhilfestunde in Reproduktion zu geben. Ich weiß natürlich sehr wohl wie das geht. Aber nach mehr als einem Jahr in ärztlicher Behandlung weiß ich auch: Es ist kompliziert. Und manchmal habe ich als Patientin den Eindruck, dass auch unsere Ärztinnen und Ärzte nicht wissen, wie es eigentlich funktioniert. Oder dass uns die Statistiken belügen, wie viele Fehlgeburten es gibt und wie erfolgreich es tatsächlich mit der Reproduktion aussieht.

Die Spermienqualität sinkt

Seit 1973 ist die Zahl der Samenzellen pro Milliliter Sperma bei europäischen Männern um mehr als die Hälfte gesunken. Die WHO Kriterien für die Spermienqualität wurden seit 1987 immer weiter nach unten nivelliert – im Falle der Beweglichkeit der Spermien von 50 auf 28 Prozent. Sicher, hier wird auch aus wissenschaftlichen Gründen adaptiert, doch bei einer Schweizer Studie erreichten nur sechs von zehn Männern diese herabgesetzten Normwerte.

Zu 29,7 Prozent schwanger?

Laut IVF Register wurden im Jahr 2018 in den österreichischen IVF-Zentren 10.828 IVF-Versuche an 7.088 Paaren durchgeführt. Das sind aber nur jene Versuche, die über den IVF-Fonds abgewickelt werden, weil sie die Förderkriterien erfüllen. Die tatsächliche Zahl österreichweit muss um einiges höher sein. Nicht alle Versuche werden über den Fonds abgerechnet, und es gab (zum Beispiel viele deutsche) Paare, die aufgrund der „besseren“ gesetzlichen Lage nach Österreich gekommen sind. Bei 9.074 dieser Versuche fanden tatsächlich Embryotransfers statt, die in 3.080 Fällen zu Schwangerschaften führten. Dies entspricht einer Schwangerschaftsrate pro Transfer von 33,9 Prozent. Die so genannte Baby-Take-Home-Rate pro Transfer betrug 29,7 Prozent (IVF Bericht 2018). Aber niemand ist zu 29,7 Prozent schwanger – für die meisten dieser Paare stehen hinter dieser Prozentzahl mehrere IVF-Versuche.

Und das bedeutet: Unsicherheit, immer wieder enttäuschte Hoffnung und vor allem ein ständiges Konfrontiertwerden mit dem Thema durch Familie, Freund*innen, andere Paare – Kinder sind allgegenwärtig. Auch auf Social Media werde ich permanent damit konfrontiert, nicht nur durch die Babyfotos anderer. Auch Facebook weiß schon, wie wichtig mir dieses Thema ist. Seit geraumer Zeit bekomme ich laufend Windelwerbung und Mode für die Schwangerschaft. Ich habe versucht, es auszustellen. Aber sichtlich reichen schon allein mein Alter und mein Geschlecht für diese nervige Werbung, die an manchen Tagen im Monat noch mehr schmerzt als an anderen.

„Wollen Sie eine Schlüpfhilfe verwenden?“

Natürlich habe ich die letzten zwei Jahre häufig gegoogelt: Anzeichen Schwangerschaft. Jeden beliebigen Begriff rund um Schwangerschaft. Temperaturkurven. Nicht zuletzt: sämtliche medizinischen Begriffe, mit denen ich nichts anzufangen wusste: Blastozystentransfer Nachteile. Natural Killerzellen. Unterschied ICSI IVF. Leider fehlen umfangreiche Informationen und Vorbereitung von Seiten der Kliniken meistens. Von heute auf morgen (oder schlimmer, manchmal auch von einer Sekunde auf die andere) werde ich damit konfrontiert, Entscheidungen zu treffen. „Sollen wir Ihnen auch Sperma in zu niedriger Qualität einspritzen?“ – „Wollen Sie ihren Embryo am dritten oder fünften Tag nach der Entnahme einsetzen lassen?“ – „Wollen Sie eine Schlüpfhilfe verwenden?“ –„Wollen Sie 150 statt 200 Einheiten Puregon spritzen?“ Wenn ich nicht umfangreiche Recherche betreibe, weiß ich nicht mal, welche Fragen ich stellen soll, um zu einer Entscheidung zu kommen. Oft werde ich auch gar nicht gefragt, sondern einfach vor die vollendeten Tatsachen gestellt.

Es ist eine permanente medizinische und körperliche Überforderung. Bei einer Insemination war ich ausnahmsweise alleine, ohne meinen Mann, mit drei Personen vonseiten der Klinik: Der Arzt informiert mich über das Spermiogramm, während die zweite unsere Namen und Geburtsdaten abfragt und die dritte parallel das Ultraschallgerät so einführt, dass meine Schamlippen schmerzhaft aufschreien. Wie soll ich Informationen aufnehmen, gleichzeitig sprechen und meine Vagina entspannen?

Nie fühle ich mich ausreichend informiert. Bei den Terminen in der Klinik gibt es allgemeine Informationen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass meine eigenen Befunde ausreichend analysiert werden oder mir eine Entscheidungsgrundlage gegeben wird. Es wird einfach das Standardprozedere in Gang gesetzt: Inseminationen, IVF, ICSI. Mir ist schon klar, dass diese Kliniken mittlerweile fast Fließbandarbeit betreiben – für sie ist das täglich das Gleiche, für mich alles neu. Ich bin nur Teil der Statistik. Aber warum stellen sie nicht verständliche Fachliteratur zur Verfügung, die ich dann in Ruhe lesen kann? Nie werden mir alle Schritte dargelegt, immer nur Teile davon. Und Anrufe von der Klinik kommen meist dann, wenn ich in einer wichtigen Besprechung bin oder mein Mann nicht zuhören/mitreden kann. Natürlich möchte ich wichtige Ergebnisse trotzdem per Telefon erfahren, aber wie soll ich nachfragen, wenn zwei Meter weiter weg meine Chefin sitzt?

Frauen müssen ihren Körper für die Schwangerschaft optimieren

Ständig habe ich das Gefühl, es läge an mir, etwas zu tun oder mich noch gründlicher zu informieren. Bessere Nahrungsergänzungsmittel, mehr Folsäure, Himbeerblättertee, andere Vitamine, Hormonyoga, keinen Alkohol, mehr Obst und Gemüse oder vielleicht doch lieber keinen Weizen und kein Fleisch? Bemerkenswert, wie lang und umfangreich die Tipps für Frauen sind, während bei Männern einfach akzeptiert wird, dass ihre Spermien immer schlechter werden. Dass L-Carnitin, Q10 oder auch nur Vitamin C hier schon helfen können, darüber informiert uns niemand. Auch nicht der Urologe.

Es ist eben mein Körper, der weibliche Körper, der hier zum Problem wird. Der verhindert, den Wunsch jeder Frau zu erfüllen: Mutterschaft. Diesem gesellschaftlich erstrebenswerten Zielzustand wird auch die Gesundheit meines eigenen Körpers untergeordnet.

Sie sind zu alt! IVF!

Selbst eine TCM-Gynäkologin, die ich aufsuche, stellt klar fest: „Bald 36? Ein Eileiter dünner? Schilddrüse? Warum wollen Sie Zeit mit Inseminationen verlieren? Sie sind zu alt! IVF!“ Was wochenlanges Hormonespritzen während der Stimulation für die IVF mit meinem Körper macht oder wie hoch bei all den dazugehörigen Medikamenten die Abort-Raten sind – egal. Selbst bei Austauschtreffen mit anderen „Kinderwunsch-Patientinnen“ habe ich manchmal das Gefühl, außer mir sehen viele Frauen diese Torturen als gottgegebene Notwendigkeit für die so erstrebenswerte Mutterschaft an.

Ich wollte immer ein Kind haben, und ich will Mutter sein. Aber das Wohl eines Babys, das vielleicht niemals gesund zur Welt kommen wird, soll nicht über meine eigene Gesundheit gestellt werden. Ich fühle mich, als wäre mein Körper nur der Brutkasten, den es entsprechend zu bedienen gilt. Wenn mein Körper dann gut arbeitet, bekomme ich auch Lob: „Sie können stolz auf sich sein, das sind viele Eizellen!“ Als hätte ich Einfluss darauf gehabt …!

Tatsächlich helfen mir Youtube Kanäle wie Saskias Familyblog, Bücher oder Gespräche mit erfahrenen Freundinnen mehr, sich auf die tatsächlichen Herausforderungen einer IVF/ICSI vorzubereiten, als die Beratungstermine der Ärztinnen und Ärzte. Und der Gedanke, dass andere Frauen das auch geschafft haben. Michelle Obama zum Beispiel. Yes, we can!

Kinderwunsch ist keine Krankheit

Immer wieder fühle ich mich dann – trotz aller Strapazen – noch vergleichsweise privilegiert. Weil wir in Österreich noch relativ niedrige Kosten zu tragen haben. Weil für homosexuelle Paare die Hürden noch viel höher sind. Und weil wir keine finanziellen Probleme haben. Trotzdem: Kinderwunsch gilt für das Gesundheitssystem nicht als Krankheit. Auch für Eingriffe wie die Follikelpunktion, die normalerweise mit (örtlicher) Narkose durchgeführt werden, gibt es offiziell keine Krankschreibung. Die Kosten für die Untersuchungen sind großteils privat zu tragen. Auch weniger belastende Methoden wie die Insemination müssen privat bezahlt werden, allein die IVF wird vom Staat finanziell unterstützt. Knapp 4.000 Euro haben wir in Summe für das Jahr 2019 bezahlt. Baby gab es dafür bisher keines. Dafür viel Stress, zahlreiche Spritzen, unzählige Besuche bei Ärzt*innen. Und immer noch einen Funken Hoffnung.

Die Autorin hat zwar noch kein Baby in die Welt gesetzt, dafür aber die Idee der Vernetzung von betroffenen Frauen geboren. Unter www.diefruchtbar.blog teilt sie ihre eigene Geschichte und auch gern die anderer – um eine virtuellen Ort – eben eine Bar – zu schaffen, in der sich betroffene Frauen (oder auch gern Männer) austauschen und gegenseitig unterstützen können. Geplant sind auch analoge bzw. digitale Gruppentreffen zum persönlichen Erfahrungsaustausch. Bei Interesse erreichen Sie die Autorin über ihren Blog.