Endlich schwanger und nun?

Anna (35) ist Gastautorin bei der Fruchtbar und lebt in Berlin. Sie ist schwanger und hat bereits in drei Gastbeiträgen über ihren lange Zeit unerfüllten Kinderwunsch geschrieben.

Frauen die sich lange ein Kind wünschen, schweben auf Wolke 7, wenn sie endlich schwanger sind – so unsere Annahme. Tatsächlich macht es einem aber der Weg, den man bis zu dieser Schwangerschaft schon hinter sich gebracht hat, nicht immer leicht, dieses Glück zu verspüren, wenn man endlich (wieder) schwanger ist.

Für viele Frauen ist das Kind, dass sie stolz als ihr erstes Kind bezeichnen, nicht auch ihr tatsächlich erstes Kind. Vielleicht haben sie früher schon einmal einen Schwangerschaftsabbruch machen lassen, haben eine oder mehrere Fehlgeburten gehabt oder sogar ein Baby ganz spät in der Schwangerschaft verloren bzw. es direkt nach der Geburt verloren.

Als ich endlich das dritte Mal nach meinen zwei Fehlgeburten schwanger wurde, waren da sehr unterschiedliche Gefühle. Zum einen unglaubliche Erleichterung – es hat geklappt, es geht! Aber auch all die Ängste und Sorgen, die ich in den Monaten und Jahren bis zur Schwangerschaft immer wieder in eine dunkle Kiste sperren konnte, kamen nun plötzlich herausgekrochen.

Wahre, tiefe Freude kam in folgenden Situationen auf – beim ersten Ultraschall in der 7. Woche, als das Herz schon schlug und immer dann, wenn ich die frohe Botschaft verkündet habe und mein Umfeld, das meine Vorgeschichte gekannt hat, mit der Freude reagiert hat, die ich eigentlich hätte immer empfinden sollen. In der Zeit dazwischen haben mich Gedanken beschäftigt wie: Warum will ich eigentlich Mutter werden? Ist das alles vielleicht ein großer Fehler? Hätte es vielleicht doch nicht sein sollen? Werde ich wieder eine Fehlgeburt haben? Was mache ich, wenn es wieder zu einer Fehlgeburt kommt? Werde ich das emotional schaffen? Ist das jetzt wirklich „schon“ mein Happy End?

Mir war meistens übel und mein Schlafrhytmus war im Eimer

Zu diesen emotionalen Zweifeln kam auch ein körperliches Unwohlsein. Mir war meistens übel, zudem war mein Schlafrhytmus komplett im Eimer. Ich wurde regelmäßig nachts munter und konnte stundenlang nicht mehr einschlafen – nicht wegen der Gedanken, sondern einfach so. Das ist keine unübliche „Nebenwirkung von Schwangerschaften“. Ohne Corona und überwiegendem Homeoffice hätte ich die Berufstätigkeit in dieser Zeit nicht geschafft. Tagsüber bzw. nach der Arbeit war ich so müde, dass ich nur auf dem Sofa liegen konnte. Außerdem Enttäuschung über Corona. Beim zweiten Ultraschall durfte mein Lebensgefährte nur nach einer Auseinandersetzung mit der Frauenärztin dabei sein, obwohl ich die einzige anwesende Patientin war. Da macht dann auch das Babyschauen nicht mehr so viel Freude.

Hinzu kam Überforderung: Hier in Berlin muss man sich mehr oder weniger sobald man einen positiven Schwangerschaftstest hat, um eine Hebamme kümmern. Falls man im Geburtshaus gebären oder eine Hausgeburt möchte, muss auch das schon zu diesem Zeitpunkt organisiert werden. In Woche 7 der Schwangerschaft fand ich es absurd mir darüber Gedanken zu machen, wo ich mein Kind, von dem noch nicht einmal sicher war, dass es zur Welt kommen würde, gebären wollte. Trotzdem habe ich Überlebensraten von Hausgeburten vs. Krankenhausgeburten recherchiert und Geburtshäuser angeschrieben und angerufen.

Nicht auf Wolke 7

Mit niemandem hab ich mich über meine zwiespältigen Gefühle reden getraut, bis ich einer Freundin in einer anderen Stadt schrieb, dass ich schwanger bin und sie meinte, dass sie ebenfalls gerade positiv getestet habe. Diese Freundin hat im Herbst 2019 eine Frühgeburt in der 24. SSW erlebt und ihr Baby nach wenigen Tagen verloren. Ihr habe ich mich vorsichtig getraut, meine seltsame Gefühlswelt anzuvertrauen. Auch sie erzählte mir, dass sie definitiv nicht auf Wolke 7 schwebe und die Schwangerschaft erstmal wie aus großer Distanz betrachte.

Eine Verwandte, die spät zwei Kinder bekommen hat – nach 2 Fehlgeburten und großem Kinderwunsch in frühen Jahren mit einem anderen Mann – konnte die erste Schwangerschaft mit ihrem neuen Partner überhaupt nicht genießen. Bis weit in die Schwangerschaft hinein hat fast jeder Satz zum Thema Leben nach der Geburt so angefangen: „Jetzt warten wir erst einmal ab, ob alles gut geht.“ Nach der Geburt fiel es ihr nicht leicht, schnell eine enge Bindung zum ersten Kind aufzubauen. Der Wall, den sie aufgebaut hatte, um sich vor einem Verlust zu schützen, konnte nicht so einfach wieder eingerissen werden.

Der Zustand, den wir uns so sehr ersehnen, macht allein nicht glücklich

Verlust- und Versagensängste, kein Vertrauen in unser Baby und unseren Körper, Zweifel an der Aufgabe, die nun plötzlich vor einem liegt und auch die Sorge vor dem neuerlichen Schmerz, der sich jederzeit einstellen könnte sowie die körperliche Belastung machen es uns nach einem steinigen Weg zum Wunschkind nicht leicht, lustig und froh zu sein. All das belastet die Psyche und ist doch völlig normal. Auch Fragen wie: schaffe ich die ganze Kinderwunsch-Tortur nochmal, falls es schief geht? Habe ich die Kraft mich diesem potenziellen Leid noch einmal auszusetzen? Und damit einhergehend vielleicht auch die Realisation: Es war einfacher, als ich noch nicht schwanger war, sind nicht ungewöhnlich.

Ich will euch mit diesem Bericht zeigen, dass dieser Zustand, den wir uns so sehr in der Kinderwunschzeit wünschen, allein nicht glücklich machen kann und dabei viele neue Herausforderungen erwarten. Wir selbst müssen (so esoterisch es auch klingt) das Glück und die Freude in uns selbst finden, im Idealfall natürlich schon vor der Schwangerschaft, denn diese ist nicht die Lösung für DAS Problem. Die moderne Glücksforschung bestätigt das – Dinge von denen wir erwarten, dass sie uns glücklich machen, machen uns bei ihrem Eintreten weniger glücklich als erwartet, während die Dinge vor denen wir uns sorgen, bei ihrem Eintreten als weniger schlimm empfunden werden, als wir uns das davor ausmalen.

Und so ist es die Kunst, sich nicht in möglichen Zukunftsszenarien zu verlieren, egal ob schwanger oder nicht, sondern uns auf die Gegenwart zu konzentrieren und ihr die positiven Seiten abzugewinnen. Die Geschichte, die wir uns selbst über unser Leben erzählen, hat sehr viel Einfluss auf unsere Wahrnehmung und Gefühle. Bin ich jemand der es immer schwer hat im Leben und sich durchkämpfen muss, oder bin ich ein Glückskind? Schwangerschaftsdepression gibt es und man sollte sich nicht schämen, Hilfe wann immer es geht in Anspruch zu nehmen und sich einer Vertrauenperson, einer Doula/Hebamme/Therapeut/in zu öffnen.

Mir persönlich hat schon vor der Schwangerschaft Achtsamkeitsmeditation und die Arbeit mit Affirmationen geholfen, einigermaßen optimistisch zu bleiben und den Glauben an meinen Körper wieder zu erlangen. Bei der Achtsamkeitsmeditation übt man im Prinzip, sich auf den jetzigen Zustand zu konzentrieren und zum einen die äußerlichen Dinge aber auch die innerlichen (Körperzustand, Gefühle etc.) so zu akzeptieren, wie sie sind. Keine Frau soll sich Vorwürfe machen, weil sie beim Eintreten der Schwangerschaft zwiespältige Gefühle empfindet. Für mich war das Mantra „Ich bin JETZT schwanger, JETZT im Moment ist alles gut“, sehr hilfreich dabei, mich mit der Unsicherheit und meinen Ängsten zu arrangieren. Seit dem zweiten Trimester habe ich eine sehr enge Beziehung zu unserem Baby und kann mich jetzt tatsächlich täglich freuen, trotz all der Ungewissheiten, die so ein Kind mit sich bringt. Ich wünsche euch sehr, dass euch das ebenfalls möglich ist.

Wenn ihr euch für das Thema Glück und Zufriedenheit interessiert kann ich euch die folgenden beiden Podcasts empfehlen: The Happiness Lab und diese Ausgabe der TED Radio hour. Weitere Erfahrungsberichte über eine Schwangerschaft nach Fehlgeburten findet ihr im Blog Mama on the rocks, sie hat auch andere Bloggerinnen gebeten zu diesem Thema zu schreiben und verlinkt darauf am Ende ihres Beitrags.

4 Gedanken zu “Endlich schwanger und nun?

  1. Michaela

    Hallo Anna,

    Vielen herzlichen Dank für deinen Text. Was du schreibst spricht mir zutiefst aus der Seele. Ich habe drei Fehlgeburten hinter mir, die letzte im Herbst 2019 in der 19. SSW aufgrund eines schlampigen Arztes. 6 Monate später wurde mir gesagt ich bin frühzeitig im Wechsel (mit 37) und hätte kaum mehr Eizellen, dann waren’s Zysten an den Eierstöcken, im Oktober bin ich dann doch durch ICSI beim 1. Versuch schwanger geworden. Wir sind jetzt in der 14. Woche, es ist alles soweit in Ordnung, aber mir fällt es auch immer noch schwer mich wirklich zu freuen und die Schwangerschaft zu genießen. Seitdem die ersten Pränataluntersuchungen vorbei und ok war sag ich zwar nicht mehr bei jeder Erwähnung des Babies “… zumindest wenn alles gut geht” dazu, aber entspannt ist anders.
    Ich habe mir nun auch Unterstützung durch eine Hebamme geholt und gehe regelmäßig zur meiner Therapeutin um über meine Zweifel und Sorgen zu sprechen. Danke, dass du schreibst, dass dir Achtsamkeitsübungen und Meditation geholfen hat, das wurde mir auch empfohlen, ich werd das dann mal versuchen.
    Für mich ist es auf jeden Fall aber auch immer sehr hilfreich, Gedanken von Frauen zu hören die in einer ähnlichen Situation sind. Ich fühle mich dann etwas weniger alleine und schuldig, dass ich noch nicht ganz so glücklich und verbunden bin mit dem Baby wie man es immer suggeriert bekommt wie es sein müsste.
    Ich wünsche dir und deinem Baby auf jeden Fall alles alles Gute. Liebe Grüße,
    Michaela

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine liebe Nachricht, ich hab sie an Anna weitergeleitet! Und schlimm, was hat denn der Arzt in der 19. SSW geschlampt??? Ich wünsche dir alles Gute für die Schwangerschaft! Ich befürchte, das mit dem „Schwangerschaft genießen“ ist aus vielerlei Gründen nicht auf alle Frauen zutreffend. Viele aus meinem Bekannten- und Freundeskreis hatten durchgängig Übelkeit oder fühlten sich aus anderen körperlichen/seelischen Gründen nicht gut. (Was natürlich nicht mit vorhergehenden Fehlgeburten vergleichbar ist, aber ich glaube, hier hat sich auch ein hartnäckiger Schwangerschaftsmythos herausgebildet. Ein Beispiel: https://editionf.com/schwanger-sein-ist-keine-krankheit/) Auf jeden Fall: Gratulation, dass es beim ersten Mal geklappt hat! Alles Liebe, Christina

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  2. Liebe Anna!

    Danke für den absolut treffenden Beitrag. Nach zwei Fehlgeburten, einer stillen Geburt und einer erfolgreichen Risikochwangerschaft kann ich nur bestätigen, dass es sich bei der „entspannten Schwangerschaft“ definitiv um einen Mythos handelt – aber Durchhalten (inkl. aller vorhandener Unterstützungsangebote) lohnt sich definitiv!

    Alles Liebe,
    H.

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