Natürliche Schwangerschaft um jeden Preis

Phase I: Chill-Out und beginnende Obsession.

Hallo, ich bin Anna, 35, eine Freundin von Christina. Ich lebe in Berlin, bin aber ursprünglich aus Österreich. Mein langjähriger Partner in Crime ist 6 Jahre älter als ich. Ich möchte euch heute den ersten Teil meiner Kinderwunsch-Geschichte erzählen. Es geht hier im Detail um Fehlgeburten. Wenn euch das zu belastend erscheint, dann rate ich davon ab, meinen Blogbeitrag zu lesen.

Irgendwie war in meinem Hinterkopf schon immer die Angst, dass ich nicht schwanger werden könnte. Ich hab sogar mit 13 beim ersten Frauenarztbesuch gefragt, ob das physisch eh möglich ist. In meiner Familie gibt es eine Vorgeschichte mit Fehlgeburten und Autoimmunerkrankungen wie Endometriose, was das Schwangerwerden auf jeden Fall erschweren kann. Seit meinen frühen 20ern habe ich immer wieder starke Regelschmerzen, zweimal war ich deswegen sogar im Krankenhaus bzw. beim ärztlichen Notdienst – gefunden wurde nichts.

Zu meinen weiteren biologischen Merkmalen: Mein Zyklus ist regelmäßig, noch nie hatte ich (seit ich das verfolge) einen Monat ohne Eisprung. Allerdings ist die Zyklusdauer unregelmäßig – von 26 bis 37 Tage ist alles dabei, meistens sind es jedoch zwischen 32 und 34 Tage. Bei mir liegt das an der Ovulationsphase, denn meine Lutealphase ist bilderbuchgetreu exakt 14 Tage lang. Meine Gebärmutter ist nach hinten anstatt nach vorne geneigt, was zu Problemen bei der Empfängnis führen kann, aber nicht muss. Ich selbst habe keine Bestätigung, dass ich Endometriose habe. Aufgrund der familiären Vorgeschichte und meiner Schmerzen ist es jedoch nicht ausgeschlossen. Ich war als Kind Asthmatikerin und habe zahlreiche Allergien, ich bin insgesamt ein empfindsames Wesen, das auf Umwelteinflüsse stark reagiert (z.B. Wetterfühligkeit).

Wolke 7 mit der ersten Schwangerschaft – und der harte Fall

Nach meinem Studium und zahlreichen Praktika im In- und Ausland war es sehr schwer, beruflich Fuß zu fassen und so konnte ich „erst“ mit 32 mit meinem Lebensgefährten die Familienplanung starten. Ich hatte mich innerlich darauf eingestellt, dass es länger dauern könnte und dass womöglich Fehlgeburten damit einher gehen. Aber bevor man es selbst erlebt hat, ist es halt doch immer etwas anderes. Im ersten Jahr haben wir nichts Außergewöhnliches gemacht und sind es locker angegangen. Keinerlei Lebensstil-Veränderung – und ich habe den Sex aufgrund meines sehr ausgeprägten Cervixschleims und des Mittelschmerzes so getimt, dass wir mindestens einmal in meiner fruchtbaren Phase Sex hatten. Und siehe da, nach 14 Monaten konnte ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten. Ich war so glücklich und dachte – wow, das ging ja doch einfacher als erwartet!

Drei Wochen schwebte ich auf Wolke 7 und malte mir mit meinem Partner unser Leben als Eltern aus, ohne außer meiner Mutter und einer Nachbarin und engen Freundin irgendjemanden einzuweihen. Am ersten Tag der 8. Woche begannen dann die Blutungen. Blöderweise in der Nacht zum 1. Mai. Erst nur ganz schwach und die Hebamme meinte, bei schwachen Blutungen muss ich nicht in die Notaufnahme. Tags darauf waren sie schon stärker. Wir sind sofort am Vormittag zur Frauenärztin und entgegen meiner Erwartung, dass man mit Blutungen in der Frühschwangerschaft sofort drankommt, saßen mein Partner und ich eine halbe qualvolle Stunde im Wartezimmer und haben glückliche Frauen mit Babybäuchen betrachtet, die ein- und ausgingen. Die Frauenärztin hat nur noch bestätigen können, was wir schon ahnten – eine Fehlgeburt.

„Ja, das wird weh tun – nehmen Sie ruhig Schmerzmittel!“

Die Aufklärung und Empathie dazu war gelinde gesagt schockierend gering. „Der Embryo hat sich schon auf den Weg Richtung Gebärmutterausgang gemacht, Sie können das jetzt auch natürlich abgehen lassen, oder ich kann Ihnen eine Überweisung fürs Krankenhaus schreiben. Das ist halt manchmal so, da kann man nix machen.“ Ich wollte eine natürliche Fehlgeburt, weil diese für den Körper wesentlich gesünder und mit weniger Risiken behaftet ist als eine OP.

„Ja, das wird dann weh tun, so wie stärkere Regelschmerzen – nehmen Sie ruhig Schmerzmittel!!!“ Für diesen Schmerz sah ich mich gewappnet, mit starken Regelschmerzen hatte ich ja Erfahrung. Allerdings kam von der Ärztin kein Wort des Verständnisses, kein „Tut mir leid“ oder auch nur irgendetwas, was auch mein Freund ziemlich ungewöhnlich und „kalt“ fand. So fuhren wir mit unserer Trauer allein gelassen nach Hause.

Plötzlich begannen die Wehen

Am dritten Tag schließlich, mein Partner war natürlich in der Arbeit, ich hatte eine Krankschreibung für 2 Wochen, begannen plötzlich Wehen. Ich hatte sowas noch nie gespürt aber der Schmerz war komplett neu und genau so wie Wehen beschrieben werden. Ein Schmerz, der stark nach unten drückt und in den Rücken ausstrahlt. Das Schlimme – entgegen der Beschreibung, dass Wehen dazwischen immer eine Pause machen, hat diese erste Wehe 50 Minuten gedauert. Ich lag auf dem Boden im Bad und wusste mir nicht zu helfen. War das normal? War ich in Gefahr? Es tat so unglaublich weh, ich rief meinen Partner an, der sich natürlich sofort auf den Weg machte, aber die Berliner Entfernungen sind groß und vor 50 Minuten brauchte ich nicht mit ihm zu rechnen. Ich kontaktierte meine Freundin, die Bescheid wusste, aber auch sie war nicht da und sie riet mir zu einem Krankenwagen. Nach 50 Minuten endlich die Verschnaufpause – schmerzfrei. Es war so unfair! Andere schwangere Frauen wussten bei Wehen genau, was zu tun sei, weil man das ja im Geburtsvorbereitungskurs lernt. Zur Info: Der Vierfüßlerstand hat nicht geholfen, schaukeln/wiegen auch nicht – ich bin entweder rumgelaufen oder habe mich auf dem Boden gekrümmt. Buscopan hat natürlich auch überhaupt nicht geholfen.

Endlich, mein Partner war da, da ging auch schon die nächste Wehe los. Nun riefen wir den Krankenwagen, ich hatte noch nie von Wehen bei Fehlgeburten erzählt bekommen und sicherlich hätte mich doch die Ärztin warnen müssen, sowas kann man ja nicht verschweigen, so mein Gedankengang. Bis ich im Krankenhaus war, hatte die Wehe wieder aufgehört – diesmal nur 45 Minuten. Es kam dann auch keine mehr.

Der Rest der Fehlgeburt war tatsächlich wie eine Menstruation, nur länger

Die Frauenärztin die mich Stunden später dran nahm, meinte, alles normal – sie kann mir nur eine Ausschabung anbieten, aber der Embryo sei kurz vor dem Austreten und ich könnte auch einfach abwarten. Also wieder nach Hause fahren. Der Rest der Fehlgeburt war tatsächlich wie eine Menstruation, nur länger. Die eigentlich für die Nachsorge schon engagierte Hebamme hat mir im Nachhinein erklärt, dass das jeweils ein „Wehenkrampf“ war, bei dem sich der Muttermund verkrampft anstatt weiter aufzumachen. Sie war leider just über die Feiertage nicht da, denn normalerweise hat man auch während Fehlgeburten (zumindest hier in Deutschland) Anspruch auf Begleitung und Nachsorge durch eine Hebamme. Die Krankenkassen übernehmen das. Auch das hat mir natürlich die Frauenärztin nicht vorher gesagt.

Kinderwunschobsession

Was danach kam war allerdings eine sehr harte Zeit. Mein Chef hatte mit absolutem Unverständnis und mangelndem Einfühlungsvermögen reagiert, was unser Verhältnis nachhaltig gestört hat – ich rate daher dringend davon ab, männlichen Vorgesetzten (besonders denen ohne Kinder) davon zu erzählen.

Zusätzlich bekam ich eine Kinderwunschobsession. Wo ich vorher alles locker nehmen konnte, wurde jetzt alles zwanghaft. Der Sex wurde genauestens getimt, ich begann meine Basaltemperatur zu messen und alles drehte sich plötzlich für mich nur noch darum. Die Vorstellung womöglich noch einmal 14 Monate zur nächsten Schwangerschaft warten zu müssen, die war einfach unerträglich.

Alkohol hab ich kaum mehr getrunken, mein einst geliebtes Hot Yoga wurde eingestellt, weil zu belastend für den Körper, der schwanger werden soll. Was mir geholfen hat über die Fehlgeburt hinweg zu kommen – ich habe ganz offen mit allen Freundinnen darüber gesprochen und sie alle haben mit mir gelitten und mich getröstet. Eine Freundin hatte ebenfalls eine Fehlgeburt in der 8. Woche und hat mir auch von Wehen berichtet – Wehen sind also nicht so selten! Für mich war das sehr therapeutisch dieses Reden und ich habe beschlossen, das nächste Mal teile ich auch die Freude, nicht nur das Leid mit meinen Freundinnen.

2 Gedanken zu “Natürliche Schwangerschaft um jeden Preis

  1. Pingback: Natürliche Schwangerschaft um jeden Preis – Teil II – Die Fruchtbar

  2. Pingback: Baby Loss Awareness Week – Die Fruchtbar

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