Vom Leuchtturm zur Ertrinkenden … und wieder zurück

Seit 3,5 Jahren versucht Inga (https://www.instagram.com/wunder.wege/) schwanger zu werden. Ihr Kinderwunsch hätte ihr fast ihre Lebensfreude genommen – bis sie die Pausetaste drückte und feststellte: So geht’s nicht weiter. Inga stellte sich dem Thema Kinderwunsch bewusst und begleitet und coacht nun Frauen mit unerfülltem #Kinderwunsch auf ihrem Weg zu mehr (Selbst-) Vertrauen und Leichtigkeit auf ihrer Kinderwunschreise. Lest hier ihre ganze Geschichte.

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Eine Freundin schenkt mir einmal eine wunderschöne Karte – mit einem Leuchtturm auf der Vorderseite und einem Boot auf der Rückseite. Sie sagte: „Mal ist man das Boot und mal der Leuchtturm. Du bist für mich auf jeden Fall der Leuchtturm.“  

Und so kannte ich mich: Als eine Frau, die sehr genau weiß, was sie will und was nicht, die ehrgeizig und zielstrebig ist, die mutig für ihre Träume und Ziele losgeht, die immer ein offenes Ohr und meist eine Lösung für Freunde*innen, Familie und Kollegen*innen hat, die voller Lebensfreude ihr Leben gestaltet, die sich für tausend Dinge immer wieder neu begeistern kann und die auch in unwegsamem Gelände ihren Weg findet.

Kinder waren für mich ein fester Bestandteil meines zukünftigen Lebens

Natürlich hatte ich aka Mrs. Leuchtturm auch zu dem Kinderthema eine klare Haltung: Für mich waren Kinder nie nur eine Option, sondern in meinem Kopf immer ein fester Bestandteil meines zukünftigen Lebens. Und als wir im Januar 2018 beschlossen, dass wir zusammen ein Kind bekommen wollen, haben wir nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass es klappen wird.

Hoch motiviert setzte ich also meine Pille ab und es passierte… nichts. Ich bekam 2 Jahre lang nicht meine Periode. Kein einziges Mal in 24 Monaten.

Mehrere Besuche bei Frauenärzt*innen – aber kein Problem zu finden

Natürlich hatte ich gelesen, dass manche Körper länger als andere brauchen, aber nach 6 Monaten wurde ich langsam nervös. Keine meiner Freundinnen musste so lange auf ihre Periode warten, viele (wirklich viele!) sind direkt im ersten Zyklus nach Absetzen der Pille schwanger geworden und auch meine Kolleginnen wurden der Reihe nach schwanger. Während mein Umfeld also sehr fruchtbar erschien, machte sich eine leise Stimme im Kopf bemerkbar, die mir einredete, dass mit mir wohl etwas nicht stimmt.

Ich besuchte mehrere Frauenärzte*innen, erfuhr sehr viel über Geduld und wenig darüber, was denn nun eigentlich das Problem war. Es gab einige Vermutungen zum PCO-Syndrom, doch scheinbar erfüllte ich zu wenige Kriterien, um dies eindeutig zu diagnostizieren.

Ich übte mich also weiter in Geduld, konnte mich auch mit unserer Hochzeit zwischenzeitlich gut ablenken (viele umsonst verschwendete Gedanken zu Hochzeitskleid und ggf. Babybauch und noch mehr Karten mit Wünschen zu „vielen süßen Kindern“ – lasst uns das bitte nicht mehr in Hochzeitskarten schreiben!) und hatte in meinem Mann auch einen wirklich tiefenentspannten Partner an meiner Seite, der alles versuchte, damit ich mir nicht noch mehr Stress damit machte.

Stehe ich dem Vaterglück meines Mannes im Wege?

Aber ich hatte Stress: Jeder Tag voller Hoffnung und Enttäuschung in Bezug auf meine Periode, diese nagenden Gedanken, die sich wie kleine Teufel immer wieder in den Vordergrund schieben, dieses Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt, die große Frage nach dem Warum, das Gefühl von Schuld, die Angst, dass ich vielleicht nie mein Baby in den Armen halten werde, dass mein Mann mich verlässt, die Frage, ob ich ihn verlassen soll, damit ich seinem Vaterglück nicht im Wege stehe, diese Unsicherheit und Ungewissheit, die Fragen von außen, die Kommentare, die Freundinnen mit ihren Babys, mit ihren Babybäuchen, die Frage nach Weiblichkeit und Frau sein, meine Zukunft, unsere Zukunft…

Dazu kam sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und damit verbunden dann ein Jobwechsel, sodass auch im beruflichen Bereich keine Ruhe einkehrte.

Ab in die KiWu-Klinik

Im Frühjahr 2019 gingen wir dann in die KiWu-Klinik, es folgten die üblichen Untersuchungen von uns beiden mit dem Ergebnis, dass bei meinem Mann alles im grünen Bereich war; bei mir hingegen bestätigte sich der Verdacht auf PCO immer mehr und es wurde in kleines Uterus Septus gefunden, welches operativ entfernt wurde.
(Kurze Anmerkung an alle Frauenkliniken an dieser Stelle: Ihr dürft sehr gerne sehr stolz auf fancy OP-Besteck und Instrumente sein, aber keine Frau möchte diese vorne in einem Glaskasten ausgestellt sehen!)

Da ich ja immer noch keine Periode und damit auch keinen Eisprung hatte, begannen wir mit der Stimulation mittels Hormonspritzen. Während dieser Phase musste ich leider auch erfahren, dass ein vermeintlich guter Reproduktionsmediziner (er war der Leiter die KiWu-Klinik) nicht zwangsläufig auch empathisch mit Menschen umgeht – er wollte sich nach dem vaginalen Ultraschall zur Kontrolle der Follikel mit mir abklatschen, weil wir „ja ein Team auf dem Weg zum Eisprung seien“… Ähm nein.

Trotz Spritzen, GV nach Terminkalender und Medikamenten zur Einnistungsunterstützung hat es bei uns mehrfach nicht geklappt.

Ich war mir selbst völlig fremd

Der nächste Schritt wäre dann eine künstliche Befruchtung (im Detail hatten wir das damals noch nicht besprochen) gewesen, aber ich konnte nicht mehr. Es war alles zu viel und ich hatte mich irgendwo auf dem Weg verloren.

Ich hatte das Gefühl mir selbst völlig fremd zu sein. Ich hatte kein Leuchten mehr, ich hatte keinen Spaß mehr, keine Lebensfreude, mir war einfach alles egal. Mein Mann und ich stritten immer mehr, ich war gereizt, lag bei Schwangerschaftsverkündungen aus meinem Umfeld oft lange weinend auf dem Fußboden, arbeitete 50h/Woche, wollte unbedingt wieder alles unter Kontrolle bekommen, machte am Wochenende meine Ausbildung zum systemischen Coach und war einfach nur völlig am Ende. Von meinen Freundinnen konnte niemand meinen Schmerz nachempfinden, die einen hatten Kinder, die anderen hatten keine Lust mehr auf das Thema (oder fanden vielleicht auch keinen Umgang mit diesem Thema), meine Familie war zwar für mich da, konnte mich aber auch nicht mehr trösten und ich fühlte mich unendlich einsam und verloren. Aus dem Leuchtturm war ich nicht mal mehr ins Boot gewechselt, sondern schwamm wie eine Ertrinkende irgendwo allein im Meer.

Pause – vom Kampf, von den Enttäuschungen und von den Behandlungen

Ich wollte das so nicht mehr und ich wusste tief in mir drinnen, dass ich in diesem Zustand auch niemals schwanger werden würde. Ich erlaubte mir eine Pause – eine Pause, um wieder zurück zu mir zu finden. Eine Pause vom Kampf, eine Pause von all den Enttäuschungen, Hormonen, Behandlungen, Kliniken, Untersuchungen, Spritzen und dem terminierten GV.

Und bekam zwei Monate später das erste Mal nach 24 Monaten meine Periode. Noch nie in meinem Leben habe ich Blut so gefeiert!

Das Licht des Leuchtturms leuchtet wieder

Ich habe dann noch meine Coaching-Ausbildung abgeschlossen und als Corona kam, habe ich beschlossen, mir die Zeit zu nehmen, einen anderen, für mich gesünderen, Umgang mit diesem Thema zu finden. Ich habe dieses Thema angenommen statt dagegen zu kämpfen, habe mir erlaubt, meine Trauer, meine Wut, meine Angst, mein Vermissen zuzulassen, war sehr viel in der Natur, habe mir all meine Lebensbereiche angeschaut, habe viel verändert und aufgeräumt (im Inneren wie im Äußeren), habe viele meiner eigenen Glaubenssätze hinterfragt und transformiert, habe so viel über mich und meine Persönlichkeit gelernt, habe viel Zeit und Liebe in meine Beziehung gesteckt und habe es letztendlich geschafft, mein Licht wieder zum Leuchten zu bringen.

  • War das einfach? Ehrlich gesagt nein und es ist auch heute noch Arbeit. 
  • Bin ich deswegen heute immer happy und weine nie? Auf keinen Fall. Aber ich weiß, wie ich mit meinen Emotionen umgehen kann und wie ich da schneller wieder rauskomme.
  • Ist ein unerfüllter Kinderwunsch einfach eine unfassbar intensive, schmerzhafte und nahezu unvergleichbare Erfahrung? Ja, auf jeden Fall und ich wünsche es niemandem! Wahrscheinlich ist Kinderwunsch auch gar nicht der richtige Begriff – vielleicht müsste es eher Kinderbedürfnis heißen, weil dies das „Ausmaß“ so viel besser beschreibt.
  • Was sind meine größten Learnings?
    Das Thema ist nun ohnehin Teil meines Lebens, also macht es Sinn, dass ich damit einen guten Umgang finde.
    Kämpfen kostet mehr Kraft als Zulassen.
    Ich darf schwach sein und kann trotzdem stark sein.
    Akzeptanz erfordert Kraft, Mut und Vertrauen.
    Ein Kind bestimmt nicht meinen Wert als Frau.

Ich kann und muss nicht alles unter Kontrolle haben.

Ja, der Kinderwunsch ist noch da. Und ich coache nun selbst Frauen im Kinderwunsch.

Und weil ich im Herzen wohl doch ein Leuchtturm bin, nutze ich meine Coaching-Ausbildung genau für dieses Thema und begleite nun Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch auf ihrem ganz individuellen Weg zu mehr Leichtigkeit und (Selbst-) Vertrauen auf ihrer Kinderwunschreise. Ich freue mich auf einen Austausch mit dir unter https://www.instagram.com/wunder.wege/

Mein Kinderwunsch heute:

Ja, der besteht natürlich weiterhin, mein Zyklus ist auch heute noch unregelmäßig (so grob alle 2 Monate), meine Werte habe ich letzten Monat in der Klinik nochmal checken lassen (alles super und auch PCO war weniger ausgeprägt) und so werden wir es bis Ende des Jahres weiter auf dem natürlichen Wege versuchen.

Ein Gedanke zu “Vom Leuchtturm zur Ertrinkenden … und wieder zurück

  1. Toller Beitrag! Man spürt die (zurückgekehrte) Kraft die in Dir steckt. Ich kann mich mit vielen der beschriebenen Dinge identifizieren und kann noch ein was hinzufügen, da ich nach 4 Jahren Kinderwunsch schwanger bin: Bitte nicht aufgeben!

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