Mit Liebe im Labor gezeugt

Judith erzählt uns heute von ihrem langen und beschwerlichen Weg zum Wunschkind. Fast hätte das Paar schon mit dem Kinderwunsch abgeschlossen – dann entschieden sie sich doch für eine künstliche Befruchtung.

Ich blicke zurück auf einen langen, schwierigen Weg und darf eine Geschichte erzählen, die nach dreieinhalb Jahren doch ein Happy End fand. Ich fühle mich privilegiert und gleichzeitig habe ich noch immer das Gefühl, dass ein Makel an mir haftet. Es gibt Tage, an denen ich nicht eine Sekunde daran denke, wie schwierig es war unser Kind zu bekommen. Es gibt Tage, an denen ich die ganze Trauer, Wut, Verzweiflung, den unsagbaren Neid und das erschütternde Gefühl der Unzulänglichkeit und des Versagens noch so stark spüre. Und es gibt Tage, an denen ich so etwas ähnliches wie dankbar bin, dass wir diesen Weg gehen mussten, weil es uns zu diesen Menschen, zu diesem Paar und zu diesen Eltern gemacht hat.

Nicht stressen lassen! Manchmal dauert es eben ein wenig länger.

Ich war 33 und mein Partner 39, als wir uns entschlossen hatten, dass nun der richtige Zeitpunkt war, „es“ zu probieren.

Ich wurde relativ rasch nervös, als es nicht funktionierte. Nach einem halben Jahr ließen wir ein Spermiogramm machen, nach einem Jahr ließ ich meine Eileiter auf ihre Durchlässigkeit überprüfen. Befund: Alles in Ordnung! Manchmal dauert es eben ein wenig länger, nicht stressen lassen! Das funktionierte natürlich überhaupt nicht. Da es keinen klaren medizinischen Grund für das „Nicht-Funktionieren“ gab, musste es wohl an meinem Körper liegen. Also machte ich mich daran, alle möglichen Störfaktoren für eine Schwangerschaft auszuschalten, und sei es noch zu absurd: Natürlich naheliegend kein Alkohol, kein Koffein, entspannende Yoga-Übungen, ich lackierte mir die Fingernägel nicht mehr, probierte glutenfreie Ernährung (obwohl ich keine Unverträglichkeit habe). Ich hasste es, dass mein Körper so im Mittelpunkt stand, gleichzeitig machte ich ihn aber selbst zum Schauplatz für diesen Kampf. Wenn medizinisch nichts gegen eine Schwangerschaft spricht, dann müsste mein Verhalten, mein Tun oder nicht-Tun den Ausschlag geben, davon war ich einige Zeit lang überzeugt.

Mein Leben orientierte sich nur mehr an meinem Zyklus

Das schlimmste in dieser ersten Phase war für mich, dass sich mein Leben nur mehr an meinem Zyklus orientierte: Selbstoptimierung und Hoffnung zu Beginn des Zyklus, Aufregung um die fruchtbaren Tage. Dann das Bangen und Warten, das ständige auf die Toilette rennen, um zu sehen, ob die Regelblutung kommt oder auch nicht, oder vielleicht erkennt frau ja sogar Anzeichen für eine Einnistungsblutung. (ja, genau ;)) Dann trifft einen die Blutung mit voller Wucht und ich hatte oft das Gefühl, dass das das Ende der Welt ist. Heulen, weinen und verkriechen. Und die Außenwelt ja nichts mitbekommen lassen. Dann kam wieder die Hoffnung, und wieder und wieder dasselbe durchmachen.

Ich konnte zwar mit meinen Partner und ein paar Vertrauten sehr gut darüber reden, was gerade in unserem Leben passierte oder eben nicht passierte, suchte mir dann aber auch doch therapeutische Unterstützung. Damit begann die harte Arbeit, der Versuch, mein Leben wieder ein wenig von meinem Zyklus und dem Kinderwunsch zu entkoppeln. Um das Gefühl zu bekommen, da war doch noch etwas anderes, da ist noch etwas anderes das mich ausmacht.

Entlastung durch die Reproduktionsmedizin? Fehlanzeige.

Dem Thema Künstliche Befruchtung haben wir uns langsam angenähert. Meine Therapeutin meinte, dass die Reproduktionsmedizin, auch eine gewisse Entlastung für die Paare sei, weil die Verantwortung für den Vorgang in die Hände von MedizinerInnen gelegt wird und nicht mehr beim Paar liegt. So habe ich es dann anfangs auch empfunden, als wir nach nicht ganz zwei Jahren mit den ersten Schritten begonnen haben. Zuerst drei Mal hormonelle Unterstützung des Zyklus und Sex nachdem der Eisprung ausgelöst wurde, dann drei Mal Insemination. Kein einziger positiver Schwangerschaftstest. Nach diesen sechs Versuchen fühlte sich nichts mehr nach Entlastung an.

Danach wollten wir versuchen, uns vom Kinderwunsch zu verabschieden, damit abzuschließen. Mein Partner wollte das mehr als ich, weil er Angst um mich hatte. Wir wollten „unser“ Leben zurückhaben und unser Leben nicht so sehr von jemanden beeinflussen lassen, den es noch gar nicht gibt. Obwohl ich insgeheim die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, veränderte sich etwas in mir. Ich beneidete keine Paare mit Kindern mehr, wie ich es so lange getan hatte, sondern Paare die keinen Kinderwunsch hatten. Die größte Entlastung für mich in dieser Phase war es, Zeit mit Freunden zu verbringen, die keinen Kinderwunsch hatten.

Die erste IVF

Nach ein paar Monaten erklärte ich meinem Partner, dass ich mit dem Kinderwunsch nur abschließen kann, wenn wir wirklich alles probieren, also auch eine künstliche Befruchtung. Bis wir dann mit dem ersten Versuch starteten, verging dann fast ein halbes Jahr. Meine Bedenken und Ängste richteten sich in dieser Zeit weniger auf meinen Körper und was mit ihm dabei passieren würde, als vielmehr darauf, wie wir das organisatorisch mit unseren Jobs so hinbekommen, sodass es am Arbeitsplatz niemand bemerkt. Das klingt seltsam, ich weiß.

Wir konnten uns für den ersten Versuch dann auch Urlaub nehmen. Das Setzen der Injektionen, die Einnahme der Medikamente und die Untersuchungen gestalteten sich dadurch wirklich etwas entspannter. Ich habe auch keine Erinnerungen an Schmerzen, Unwohlsein, auch nicht, dass ich übertrieben nervös war. Schlagartig anders wurde es am Tag, an dem wir zum Transfer in der Klinik waren. Vor dem Einsetzen erfuhren wir, dass sich obwohl 9 Eizellen entnommen, nur eine befruchtete Eizelle so gut entwickelt hatte, dass sie eingesetzt werden konnte. Ich war einfach immer davon ausgegangen, durch die Stimulation mehrere Versuche/Chancen zu erhalten. Und was hatte es zu bedeuten, dass nur eine einzige entwicklungsfähige Zelle entstanden war? Nach dem erfolgten Transfer auf dem Weg nach Hause, stritt ich mit meinem Partner, ob wir noch eine Stimulation machen werden.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich die Tage bis zum Schwangerschaftstest verbracht habe. Ich habe viel gearbeitet und sonst glaube ich nicht viel gemacht. Als er negativ ausfiel, war da Trauer, aber auch schon sehr viel Resignation. Ich stürzte nicht so tief ab, wie ich es erwartet hatte. Vielleicht war ich wirklich schon dabei, mich vom Kinderwunsch zu verabschieden.

Versuch Nummer 2

Die zweite Stimulation starteten wir 3 Monate nach dem ersten Versuch, kurz vor meinem 37. Geburtstag. Diesmal mit etwas höher dosierten Hormonen, sodass auch mehr Eizellen entnommen werden konnten. Als ich dann hörte, dass wir 4 entwicklungsfähige Zellen hatten, war ich erleichtert. Eine konnte gleich transferiert werden, die drei anderen wurden eingefroren.

Meinen ersten positiven Schwangerschaftstest machte ich 2 Wochen später an einem Samstag Morgen. Ich war natürlich sehr früh aufgewacht und ging auf die Toilette. Ich hatte so oft schon auf den Teststreifen gestarrt, da kam kein zweiter Strich – diesmal wurde er schon beim Beträufeln des Streifens sichtbar. Nach zehn Minuten schlüpfte ich zurück ins Bett und sagte meinem Partner „Wir dürfen hoffen!“ Was dann begann war aber nicht nur ein Hoffen, sondern auch ein Zittern. Für die Klinik mussten wir nach Übermittlung des Testergebnisses in der 6. Schwangerschaftswoche einen Einnistungsnachweis erbringen. Beim Ultraschall bei meiner Gynäkologin war nur eine leere Fruchthöhle zu sehen. Sie meinte da sei nichts, korrigierte sich dann aber wieder, dass wir in zwei Wochen nochmals nachsehen. Das also auch noch, ein Windei oder Mole, das war einer Freundin auch nach einer IVF passiert. Ich dachte, dass mir nichts erspart blieb und meine Gedanken kreisten zwei Wochen lang um die doch sehr hohe Wahrscheinlichkeit einer frühen Fehlgeburt und ob ich danach noch die Kraft für einen weiteren Versuch haben würde.

„Es war so viel Liebe notwendig, unser Kind zu zeugen, da kann Sex einfach nicht mithalten.“

Beim nächsten Ultraschall sahen wir das erste Mal den Herzschlag unseres Kindes.

Das Glück, das wir haben, ist nicht zu beschreiben. Und dennoch nagt an mir manchmal noch immer ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Ich konnte schwanger sein, ich konnte gebären, aber ich konnte nicht schwanger werden.

Als es im Geburtsvorbereitungskurs um das Einleiten einer Geburt ging, meinte die Hebamme, dass der natürliche Weg, der beste sei. Durch Liebe machen werden Kinder gezeugt und durch Liebe machen, wird der Geburtsvorgang oft ausgelöst. Ich meinte zu meinem Partner sarkastisch: „Ja genau, mit Liebe gezeugt im Labor!“ Er meinte: „Es war so viel Liebe notwendig, unser Kind zu zeugen, da kann Sex einfach nicht mithalten.“ Diesen Gedanken bringe ich mir nun immer in Erinnerung, wenn das Gefühl der Unzulänglichkeit wieder leise anklopft.

4 Gedanken zu “Mit Liebe im Labor gezeugt

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