Auf einen Kaffee mit Reproduktionsmediziner Dr. Just

Foto: Bernhard Musil

Heute gehe ich mit einem besonderen Gast auf einen Kaffee: mit Reproduktionsmediziner Dr. Alexander Just. Seit 25 Jahren ist er bereits auf diesem Fachgebiet tätig – und hat wohl schon so manchen Embryo der Leser*innen hier genauer unter die Lupe genommen. Ich spreche mit ihm heute aber nicht über Embryos oder IVF, sondern über sein aktuelles Projekt „Discover your Fertility – Get your Status“ https://www.wunsch-kinder.at/discover-your-fertility/. Unter diesen Schlagwörtern verbirgt sich eine Kampagne zur reproduktiven Vorsorge. So, wie wir uns alle regelmäßig sonst um unsere Vorsorge kümmern (Zähne, Gesundenuntersuchung, Physiotherapie – mir fällt da so einiges ein ;-)) – so sollten wir alle uns auch um unsere Familienwünsche und Fruchtbarkeit sorgen. Und das schon im Vorhinein, nicht erst, wenn der Kinderwunsch schon länger besteht. Was das genau heißt, erfahren wir von Dr. Alexander Just im Interview.

Christina: Wie bist du denn auf dieses Thema gekommen – reproduktive Vorsorge?

Alexander: Der Gedanke war irgendwie naheliegend: Ich betreibe seit acht bis zehn Jahren eigentlich  eher mehr Schadensbegrenzung und Nachsorge. „Helfen“ wurde in den letzten Jahren immer komplexer und schwieriger – das stört mich nicht. „Nicht Helfen“ zu können macht mich aber als Mediziner traurig und bestürzt mich. Die biologischen Voraussetzungen von Frau und Mann werden immer schlechter – nicht allein durch unseren Lifestyle, Stress, auch aus Unwissenheit über den tatsächlichen Zustand der eigenen Fruchtbarkeit, denn dieser wurde nie festgestellt.

Die Frauen, die mit Kinderwunsch bei mir sind, kommen immer später. Vor knapp zwei Jahrzehnten lag das Durchschnittsalter der künstlichen Befruchtung noch bei 31 oder 32 Jahren, jetzt sind wir schon bei 36.

Dr. Alexander Just

Die Frauen, die mit Kinderwunsch bei mir sind, kommen immer später. Vor knapp zwei Jahrzehnten lag das Durchschnittsalter der künstlichen Befruchtung noch bei 31 oder 32 Jahren, jetzt sind wir schon bei 36. Genauso hat sich natürlich auch das Durchschnittsalter von Müttern, die ihr erstes Kind bekommen haben, ebenfalls nach hinten verschoben. Dass sich der Zeitpunkt immer weiter nach hinten bewegt, ist klar: Frauen wollen nicht gleich schwanger werden, sie wollen sich, genauso wie Männer, Wünsche erfüllen, ihre Ausbildung abschließen, … Oft finden sie auch gar keinen Partner. Oder denken sich, sie finden noch einen besseren. Gleichzeitig wollen wir heute dem Kind auch mehr bieten: Geld, Sicherheit. Das ist natürlich vielschichtig und trifft vor allem die Frauen aufgrund eines entscheidenden Faktes – die biologische Spanne der Frau ist wesentlich eingeschränkter als die des Mannes. Kein Mann wird mit 32 gefragt: „Was ist mit Kindern, willst du dir das nicht langsam überlegen?“ Tatsache ist, dass eine 38-jährige Frau, die zu mir kommt, viel weniger Option hat als eine 26-jährige. Und hier sind wir dann bei meiner Schadensbegrenzung. Denn es braucht mit 38 wesentlich mehr Eizellen, mehr Geduld, mehr biologische Zeit und in den überwiegenden Fällen sind all diese Dinge nicht mehr vorhanden. Aber wir GLAUBEN und HOFFEN. Warum sind die oben genannte Dinge nicht mehr vorhanden? Weil die Qualität und die Quantität der Eizellen ab 35 Jahren, in manchen Studien wird sogar schon von 32 Jahren gesprochen, nicht mehr so gut ist. Das dürfen wir nicht vergessen.

Gynäkolog*innen haben nicht die Aufgabe der Einschätzung der Fruchtbarkeit, da geht es um onkologische Vorsorge! Sie schauen, ob es keinen Verdacht auf Krebs gibt. Eine Kassengynäkolog*in hat für so etwas gar keine Zeit, und oft auch nicht das entsprechende Spezialwissen. Die Frauen glauben dann, sie sind gut versorgt in Bezug auf ihre Fruchtbarkeit – das stimmt aber gar nicht.

Dr. Alexander Just

Christina: Das Problem ist ja auch, dass viele Paare bzw. Frauen leider gar nicht so genau über ihre Fruchtbarkeit Bescheid wissen. Einerseits lernen wir so etwas kaum jemals in der Schule. Da ging es immer um Verhütung, selten um reproduktive Gesundheit. Andererseits ist das Problem, dass ich bei uns in der Selbsthilfegruppe sehe, auch anders gelagert: Die Frauen wollen vorsorgen, bzw. sorgen sich schon frühzeitig um ihre Fruchtbarkeit. Aber die Gynäkolog*innen beschwichtigen dann, sagen, es ist eh alles in Ordnung oder finden einfach keine Auffälligkeiten.

Alexander: Du hast völlig recht! Gynäkolog*innen haben aber nicht die Aufgabe der Einschätzung der Fruchtbarkeit, da geht es um onkologische Vorsorge! Sie schauen, ob es keinen Verdacht auf Krebs gibt. Ein*e Kassengynäkolog*in hat für so etwas gar keine Zeit, und oft auch nicht das entsprechende Spezialwissen. Die Frauen glauben dann, sie sind gut versorgt in Bezug auf ihre Fruchtbarkeit – das stimmt aber gar nicht. Teil des Problems ist natürlich auch, dass das Allgemeinwissen über die Fruchtbarkeit nicht sehr groß ist: Wie werde ich nicht schwanger? Wie lang ist denn die Phase von guter natürlicher Fruchtbarkeit überhaupt vorhanden? Und beim Mann ist das alles natürlich biologisch völlig anders (hier besteht wieder eine Benachteiligung der Frauen). Ein weiteres Problem ist, dass die Medien über 48-jährige Schauspielerinnen berichten, die schwanger werden. Dass das eine Eizellenspende war, wird natürlich nicht berichtet. Und letztendlich sehen wir auch, dass die künstliche Befruchtung heillos überschätzt wird. Da ist diese Überzeugung: Wenn es gar nicht funktioniert, mach‘ ich künstliche Befruchtung mit 42. Die Eizellenqualität kann ich aber nicht einfach verbessern, mit der muss ich arbeiten. Künstliche Befruchtung kann keine biologischen Grenzen – „Berge“ – versetzen und der optimale Bereich der Frau liegt zwischen 20-30 Jahren. Und vor dem Hintergrund dieser Probleme, ist es umso wichtiger, individuelle Informationen frühzeitig an die Frauen und Männer weiterzugeben. Das soll eben im Rahmen der reproduktiven Vorsorge bei mir passieren.

Die Medien berichten über 48-jährige Schauspielerinnen, die schwanger werden. Dass das eine Eizellenspende war, wird natürlich nicht berichtet. Und letztendlich sehen wir auch, dass die künstliche Befruchtung heillos überschätzt wird.

Dr. Alexander Just

Christina: In deinem Interview mit der Wienerin habe ich gelesen, dass die Baby-Take-Home-Rate zwischen 40 und 45 unter 5 Prozent liegt, das ist ja wirklich schockierend wenig. Ich hab‘ damals auch bei meinen Ovulationstests gelesen, dass ein Paar über 35 schon Hilfe suchen soll, wenn nach mehr als sechs Monaten keine Schwangerschaft eingetreten ist, unter 35 Jahren nach 12 Monaten. Das ist oft kostbare Zeit, die den Frauen bzw. Paaren verloren geht, weil sie erst zu spät professionelle Hilfe suchen. Manchmal sind die Probleme leicht zu beheben, es braucht gar keine IVF. Was ist denn genau die medizinische Leistung hinter „Discover Your Fertility“?

Alexander: Einerseits schauen wir uns natürlich den AMH an, eine altersadaptierte Beratung ist äußerst wichtig und gleichaltrige Frauen sind nicht gleich fruchtbar. Wir machen spezielle Ultraschall-Untersuchungen. Ein elementarer Teil der Analyse ist eine spezielle Untersuchung einer Zellstruktur – also keine der gewohnten Blutuntersuchungen – die in allen unseren Zellen vorhanden ist. Das sind bestehende Methoden der Diagnostik, die wir auf die Fruchtbarkeit anwenden. Wir gehen auch davon aus, dass 30 % der Fruchtbarkeit genetisch beeinflusst sind, 70 % aber auch von anderen Faktoren wie Bewegung, Ernährung, Quantität und Qualität des Lebensstils abhängig. Die kann ich selbst bestimmen und aktiv in die Hand nehmen – es muss nur frühzeitig damit begonnen werden. Den Gesamtzustand der Frau und des Mannes bei der Beratung zu berücksichtigen- wie ungesund ernährt Frau und Mann sich heute? Die Lebensmittel werden nicht besser, welchen täglichen „Belastungen“ sind wir ausgesetzt? Ziel ist es, dass Frauen (und Männer) ab 25 schon rechtzeitig vorsorgen und über ihre Fruchtbarkeit Bescheid wissen und länger „natürlich“ schwanger werden können. Ziel kann aber auch Freezing sein, um Zeit zu schaffen oder besonders schlechte biologische Voraussetzungen auszugleichen. Oder aber es gibt einen entsprechenden Therapieplan für die nächsten acht bis zwölf Wochen, um die Eizellenqualität zu verbessern – je nachdem, wie und wann der Kinderwunsch erfüllt werden soll wird dieser erstellt oder es wird laufend weiter beobachtet. Je jünger die Patientin ist, desto einfacher und billiger ist das und umso mehr Optionen sind wählbar.

Ja, der Mann kann leicht sagen: „Mach dir nicht so einen Stress Schatzi, ich mag noch nicht“. Er hat ja auch mehr Zeit. Natürlich sehen wir, dass auch die Spermienqualität abnimmt. Heute machen wir viel öfter Hodenbiopsien als früher. Das Problem der schlechten Spermienqualität ist aber durch eine künstliche Befruchtung viel effektiver lösbar, während ich mit schlechter Eizellenqualität viel schwerer umgehen kann.

Dr. Alexander Just

Christina: Ich musste auch an ein paar meiner Freund*innen denken, die gerne vielleicht ein Kind von ihrem Partner hätten – aber der möchte noch nicht. Da wäre das ja vielleicht auch ein sinnvoller Schritt.

Alexander: Ja, der kann leicht sagen: „Mach dir nicht so einen Stress Schatzi, ich mag noch nicht“. Er hat ja auch mehr Zeit. Natürlich sehen wir, dass auch die Spermienqualität abnimmt. Heute machen wir viel öfter Hodenbiopsien als früher. Und Samenqualität kann generell schwanken, sie kann auch durch Nahrungsergänzungsmittel oder durch den Lifestyle leichter verbessert werden. Das Problem der schlechten Spermienqualität ist aber durch eine künstliche Befruchtung viel effektiver lösbar, während ich mit schlechter Eizellenqualität viel schwerer umgehen kann. Mit anderen Worten – ich habe meistens Samenzellen im Überfluss aber ich brauche jede gute Eizelle der Frau.

Mir ist es wichtig, von den vielen Mythen, Hoffnungen und Erwartungen, die an die Fruchtbarkeit geknüpft sind, weg zu kommen – hin zu mehr individuellen Informationen für die betroffenen Frauen. Der Wunsch nach Familie und Kinder ist tief in uns verwurzelt, das sollte uns Vorsorge wert sein.

Christina: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Alexander: Sehr gerne!

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