Auf ein Glas Whiskey mit Frauenärztin und Sexualmedizinerin Miriam Mottl

Foto von Miriam Mottl
Miriam M. Mottl, Foto: Yvonne Kreuzmayr

„Oder ein Glas Johannisbeersaft!“ ruft sie noch schnell dem alkoholischen Getränk hinterher. Aber ich finde, zum heutigen Thema Lust und Sexualität passt Whiskey besser. Eigentlich ist es das naheliegendste der Welt, beim Thema Kinderwunsch auch über Sex zu schreiben und zu reden – so werden ja (zumindest bei den meisten Menschen) auch die Kinder gezeugt. Doch gerade für die Leser*innen dieses Blog sind die Zeugung eines Kindes und lustvoller Sex oft schon völlig entkoppelte Bereiche. Durch die künstliche Befruchtung verliert Sex manchmal die natürliche, lustvolle Komponente. Wie schreibt Melanie Croyé in ihrem Buch „Wenn der Storch nicht von alleine kommt“ so schön? „Bei der Zeugung meiner Tochter waren fünf Menschen anwesend. Nicht was Sie jetzt denken.“ Und mit den vielen Entscheidungen, die es zu treffen gibt, ist die Beziehung auch so einigen Belastungsproben ausgesetzt. Und gerade der weibliche Körper muss auch einige Belastungen auf sich nehmen. Wenn wir dann an unserem nackten Körper hinuntersehen, nehmen wir vielleicht vor allem das wahr, was fehlt: der Schwangerschaftsbauch.

Ich spreche daher heute mit der Expertin Miriam Mottl. Sie arbeitet als Frauenärztin in einer Klinik in Oberösterreich und berät in ihrer Privatpraxis als Sexualmedizinerin bei Problemen in der Sexualität, in der Beziehung oder beim Kinderwunsch. Außerdem ist sie unter „Herzensdialoge“ auf Instagram und Facebook aktiv, betreibt einen Blog und einen Podcast.

Christina: Ich habe mich gefragt – wie kann ich als Frau einerseits bzw. als Paar andererseits dafür sorgen, dass die Lust erhalten bleibt – oder aber wieder zurückkommt?

Miriam Mottl: Menschen sind unterschiedlich, wenn es um Sex geht. Es gibt ein sexuelles Gaspedal und ein sexuelles Bremspedal. Manche kommen schnell in Fahrt, sind aber auch schnell wieder auf der Bremse. Andere kommen langsam in Fahrt, mit einem langen Vorspiel – dafür wirkt dann die Bremse kaum. In jedem Fall ist aber der Kinderwunsch oft eine Bremse für beide. Gerade an den fruchtbaren Tagen sollten Mann und Frau besonders „heiß“ sein. Eine Insemination beispielsweise ist aber dafür natürlich nicht besonders hilfreich. Ich empfehle allen Paaren, sie sollen die Romantik versuchen zu planen: Kerzenschein, ein gemeinsames Essen, rumknutschen… da passiert so viel mit uns! Das gilt nicht nur für die fruchtbaren Tage. Es ist wichtig, sich gemeinsam an die erste Verliebtheitsphase zu erinnern, an schöne Urlaube oder einfach generell in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen. Auch wenn es mit Corona jetzt schwieriger ist, ein „Date“ zu planen. Es gibt immer Möglichkeiten, Lustvolles zu Tun: Massagen mit Öl im Wasserbad, gemeinsames Kochen, Spaziergänge, Schlittschuhlaufen, Popcorn besorgen für Zuhause, damit es sich wie im Kino anfühlt – oder sich schick machen, auch zu Hause im Lockdown. Man kann so viele tolle Sachen machen, um Romantik herzustellen! Und natürlich soll frau sich auch wohlfühlen im Körper. Für die einen ist das dann ein schönes Negligé, für die andren eine neue Frisur oder ein Kosmetiktermin. Damit die Last nicht auf einem der beiden liegt, sollte sich jede*r ein Date überlegen, um zum Beispiel zwei Mal die Woche qualitative Zeit miteinander zu verbringen: Handys aus, Social Media aus.

Damit die Last nicht auf einem der beiden liegt, sollte sich jede*r ein Date überlegen, um zum Beispiel zwei Mal die Woche qualitative Zeit miteinander zu verbringen: Handys aus, Social Media aus.

Stattdessen: miteinander reden, zusammen essen, Brett- oder Kartenspiele spielen, oder auch Konzerte online ansehen, ein Theaterstück… Am besten ist es, eine Wunschliste anzulegen oder alle Wünsche in eine Box einzuwerfen. Dann gehen die Ideen sicher nicht aus!

Christina: Wahnsinn, bei dir klingt das so einfach! Das sind ja wirklich viele gute Ideen. Was kann ich denn als Frau selbst auch noch tun? Weil es ist auch oft so, dass die körperlichen Beschwerden der Hormone oft länger andauern und die „Lust“ dadurch auch körperlich schon weniger da ist.

Miriam Mottl: Sicher, das ist ja klar! Aber nicht vergessen: das ist nur ein vorübergehender Zustand und geht vorbei. Frauen sind hier auch ganz unterschiedlich. Die einen machen fünf ICSIs hintereinander, andere brauchen nach einer ICSI ein halbes Jahr Pause. Und ich muss sagen: Wer sind wir denn, dass wir funktionieren müssen? Ich entscheide ja die Normen, denen ich mich unterwerfe! Gerade in dieser schwierigen Kinderwunschzeit sollte nicht nur die Umgebung mit uns liebevoll umgehen, sondern auch wir selbst.

Gerade in dieser schwierigen Kinderwunschzeit sollte nicht nur die Umgebung mit uns liebevoll umgehen, sondern auch wir selbst.

Ich verstehe nicht, warum viele Frauen dann ständig Schwangerschaftstests machen. Jedes negative Testergebnis macht etwas mit mir. Es ist wichtig, gerade in der Wartezeit Dinge zu tun, die einem gut tun – 14 Dinge, die mir gut tun.

Christina: Ich muss sagen, für mich gibt es wenige Momente, in denen ich mir bisher gedacht habe, dass ich froh bin, kein Mann zu sein. Jede Samenabgabe vor der Insemination oder IVF war aber so ein Moment. So anstrengend die Behandlung sonst für Frauen ist: in diesem Moment ist der Stress für die Männer wohl ein bisschen größer. Und irgendwie hat es mich auch beruhigt, dass nicht nur ich diesen furchtbaren Stress bei der Kinderwunschbehandlung erlebe – und meinen Partner das auch nicht kalt lässt.

Miriam Mottl: Ich erlebe immer wieder in der Paartherapie, dass Männer ihre Partner*innen nicht noch mit ihren eigenen negativen Gefühlen belasten wollen. Sie teilen ihre Gefühle daher nicht. Dabei wäre gerade das Teilen der Gefühle für viele Frauen auch eine Hilfe und Unterstützung.

 Christina: Wie bist du denn eigentlich zu diesem Berufsfeld gekommen?

Die Arbeit mit Menschen und Ihren Bedürfnissen hat mich schon immer fasziniert. Nach meinem Studium fehlte mir als frischgebackene Ärztin der Austausch und die intensiven Gespräche mit Patient*innen, um noch besser helfen zu können. Schon während meines Studiums machte es mir nichts aus, über Sexualität zu sprechen. Und dann war doch noch mein Gedanke „Jeder Arzt sollte ein Kind zur Welt bringen können“. Inzwischen – als Frauenärztin, begleite ich Paare bei der Erfüllung Ihres Kinderwunsches und habe mehr als 1000 Frauen geholfen ihre Kinder auf die Welt zu bringen. Ich mag die Abwechslung zwischen meiner Arbeit als Frauenärztin in der (Kinderwunsch)klinik und der intensiven Begleitung von Paaren mit Sexualitäts- und Partnerschaftsproblemen.

Christina: Vielen lieben Dank für das tolle Gespräch!

Ich möchte euch unbedingt auch noch weitere Interviews mit Miriam Mottl und ihren Blog ans Herz legen:

3 Gedanken zu “Auf ein Glas Whiskey mit Frauenärztin und Sexualmedizinerin Miriam Mottl

  1. Pingback: Ich bin geimpft! – Die Fruchtbar

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