Natürliche Schwangerschaft um jeden Preis – Teil III

Phase III – Sei deine eigene Heldin

Im Herbst 2019, ich war inzwischen 34, wenige Wochen nach der zweiten Fehlgeburt, hatten wir unseren ersten Termin im Kinderwunschzentrum. Ich habe eigentlich nur Schlechtes über diese Institute gehört und daher war es besonders schwierig, eins auszusuchen. Meine Wahl fiel auf ein Zentrum mit dem Schwerpunkt Endometriose und eine Ärztin, die in Ihrem Lebenslauf auch Akupunktur und damit eine gewisse Offenheit für alternative Vorgehensweisen demonstriert hat. Ich wollte ja ganz klar auf natürlichem Weg schwanger werden – IVF war für mich aufgrund meiner Angst vor künstlichen Hormonen und dem, was sie mit meinem eh so sensiblen Körper anrichten könnten, ausgeschlossen. Die Ärztin war tatsächlich sehr nett und verständnisvoll, ich war super nervös und bin erstmal knallrot angelaufen beim ersten Termin. Dabei hab ich mich überhaupt nicht geschämt, warum sollte ich auch? Ich finde, dass das Thema unerfüllter Kinderwunsch kein Tabuthema sein sollte und wir, wenn wir darüber reden, viel voneinander und unseren Erfahrungen lernen können.

Ein herzförmiger Uterus?

Zunächst sollte mein Zyklus einen Monat nochmal überwacht und neue Hormonprofile erstellt werden, immerhin war ich ja schon wieder ein Jahr älter geworden. Mein Partner sollte ein Spermiogramm machen lassen. Beim ersten Zyklusultraschall kurz vorm Eisprung war die Ärztin sehr beeindruckt, als ich ihr sagte, der Eisprung würde noch ein wenig auch sich warten lassen, weil ich noch keinerlei Symptome verspürte. Tatsächlich war mein Follikel noch nicht reif. Meine Eizellen würden, laut Ärztin, noch für eine ganze Fußballmannschaft ausreichen, das war tröstlich. Aber dafür fragte sie mich dann beim zweiten Ultraschall nach dem Eisprung, den ich zielsicher dem rechten Eierstock zuordnen konnte, ob ich schon mal gehört hätte, dass ich einen herzförmigen Uterus habe. Nein – hatte ich noch nie und das in 22 Jahre frauenärztliche Betreuung. Sie teilte mir mit, dass auch das manchmal eine Empfängnis erschweren könne, weil sich die Embryonen nicht immer so gut einnisten können. Eine Herzform könne man aber auch operativ beheben, falls sie zu schwerwiegend sei. Wenn man dann noch eine Bauchspiegelung zur Feststellung einer Endometriose machen lassen würde, könne man das auch noch gleich abklären. Ich lehnte auch hier diese invasiven Methoden ab und die Ärztin versicherte mir, zahlreiche Frauen würden mit herzförmigen Gebärmuttern Kinder gebären und das sei oft eine Zufallsdiagnose bei Kaiserschnitten. Die Hormone waren besser als noch vor einem Jahr, aber auch diesmal war der DHEA-Spiegel am unteren Ende von akzeptabel für mein Alter. Ich, mittlerweile vorgebildet, fragte auch nach einer (in Deutschland verschreibungspflichtigen) künstlichen Substitution über Nahrungsergänzungsmittel. Aber die Ärztin riet mir davon ab.

Der Schock kam beim Spermiogramm

Während mein Ergebnis also so mittelprächtig war, war das Spermiogramm meines Lebensgefährten ein Schock. Diagnose OAT-Syndrom, das heißt bei allen relevanten Parametern, lag er unter den Richtwerten der WHO für zeugungsfähiges Sperma, die Empfehlung des Labors: bestenfalls IVF, eigentlich ICSI. Das Befundgespräch mit der Ärztin ergab, dass mein Partner auch einen Hormon-Test machen lassen sollte, um zu sehen, ob die schlechte Spermienqualität auf seinen Hodenhochstand zurückzuführen sei – dieser Test war leider positiv, die Hoden sind irreversibel geschädigt, da könne man auch gar nichts dagegen machen, so die ärztliche Aussage. Diese Diagnose ließ mich wirklich kurzfristig durchdrehen – tagelang tat ich nichts anderes als bis spätabends zu recherchieren was zu tun sei.

Nach einem sehr deprimierenden Anruf und einem weiteren Befundgespräch stand laut Ärztin fest, eine natürliche Schwangerschaft sei sehr, sehr unwahrscheinlich, aber natürlich nicht gänzlich ausgeschlossen, die beste Option sei IVF. Wir sollten in drei Monaten für ein neuerliches Spermiogramm wiederkommen.

Ich flehte meinen Freund an, das Spermiogramm von damals zu besorgen, denn ich konnte und wollte diese Aussage einfach nicht akzeptieren, ich brauchte einen Hoffnungsschimmer. Wir waren seitdem nach Berlin umgezogen aber irgendwie hat er es geschafft, den Arzt in der anderen Stadt ausfindig zu machen und dort persönlich das Spermiogramm abzuholen. Tatsächlich war das alte Spermiogramm ermutigend – für mich hieß das, was früher schon einmal gut war, kann auch wieder gut werden, ich war ja jetzt die Expertin dafür.

Wie verbessern wir das Spermiogramm?

Mein Lebensgefährte war selbst auch sehr betroffen, ich weiß nicht, was so etwas mit der männlichen Psyche macht, aber gut ist es sicher nicht. Er hat sich, nachdem ich ihm wissenschaftliche Belege gezeigt habe, zu etlichen Maßnahmen bereit erklärt:

  • Reduzierung des Koffeinkonsums – aus drei doppelten Espressi wurde einer pro Tag, für meinen Hobbybarista ein großes Opfer.
  • Das After-Work-Bier wurde alkoholfrei, Alkohol gabs es nur noch 1-2 Mal in der Woche.
  • Das Handy durfte unter keinen Umständen mehr in der Hosentasche getragen werden.
  • Zur Stressreduzierung begannen wir gemeinsam jeden Abend Achtsamkeitsmeditation zu praktizieren.
  • Nüsse und Samen sind sehr gut für Spermien – ich begann regelmäßig „Wunderbrod“, das ausschließlich aus diesen Zutaten, sowie Wasser und Salz besteht, zu backen.
  • Gleichzeitig haben wir unsere Ernährung um Kohlehydrate reduziert, denn eine eiweißreiche und kohlehydratearme Diät wird zur Stärkung der Mitochondrien empfohlen. Linsen- und Kichererbsenpasta wurde der neue Standard.
  • Zucker haben wir beide reduziert bzw. sind auf Alternativen wie Kokosblützenzucker und Xylit umgestiegen.
  • Zusätzlich haben wir 100e Euro für sehr, sehr hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel ausgegeben. Ich möchte hier keine Empfehlungen abgeben, ich bin kein Profi, aber die wissenschaftlichen Studien die ich gelesen habe, haben eindeutig gezeigt, dass die Wirkstoffdosen wie sie in bekannten Kombi-Präparaten zur Spermienverbesserung vorkommen, viel zu niedrig sind. Also wurde alles einzeln hochdosiert bestellt.

Selbstoptimierung mit Ubiquinol, TCM und glutenfreier Ernährung

Aber auch bei mir ließ ich keine Möglichkeit zur Selbstoptimierung aus und nahm erstmals Ubiquinol zur Verbesserung der Eizellqualität. Mein neues Hobby waren Gesundheits– und Fruchtbarkeitspodcasts und in einem hatte ich von der entzündungshemmenden Diät gehört (im wesentlichen das, was schon Alisa Vitti beschwor) und beschloss, ab sofort kein Gluten mehr zu essen. Bei den Milchprodukten war ich ja eh schon fast bei 0 angekommen. Zudem hörte ich einen sehr spannenden Podcast zur TCM und Periodenproblemen.

Im Januar vereinbarte ich meinen ersten Termin bei einer TCM-Therapeutin mit Endometriose-Schwerpunkt. Deren erste Aufgabe für mich stellte tägliches Temperaturmessen der Basaltemperatur dar, zuvor hatte ich das nur noch sporadisch in meinem Zyklus gemacht. Anhand der Temperaturkurven stellte auch sie die Vermutung an, dass ich an Endometriose leide. Ein starker Hinweis, das kann man übrigens nirgendwo nachlesen außer in TCM-Fachbüchern, ist es, wenn die Basaltemperatur nach Beginn der Menstruation nur langsam wieder absinkt. Nach meiner Fehlgeburt war mir das vermehrt aufgefallen. Auch der Temperaturanstieg nach dem Eisprung war nicht optimal. Ich begann wöchentliche Akupunktur und musste täglich drei Tassen Tee aus chinesischen Kräutern (Granulat) trinken. Die Akupunktur entspannte mich ungemein, Änderungen am Zyklus merkte ich ewig nicht.

Der Durchbruch beim Zyklus

Dann nach drei Monaten der erste Durchbruch – endlich wieder einmal eine Periode ohne Schmerzen, kaum Schleim beim Blut und kaum schmerzende Brüste, es wirkte! Zusätzlich recherchierte ich zur TCM-Ernährung und begann zwei bis drei warme Mahlzeiten mit feuchtigkeitsausleitenden Eigenschaften pro Tag zu essen (mein Hauptproblem nach TCM sind Kälte und Feuchtigkeit, daher stammte auch die schleimige Periode) und Knochenbrühen aus Bioknochen zuzubereiten. Sehr hilfreich dazu fand ich den Newsletter von Andrew Loosely (https://naturalfertilityexpert.com/), den ich aus dem sehr empfehlenswerten IVF-Podcast „For Trying out Loud“ kannte.

… und dann jede Menge Antibiotika und Cortison

Dann ließ ich kurz nacheinander zwei Weisheitszahnentfernungen vornehmen, die insgesamt mit drei Entzündungen, Antibiotika und Cortison, einhergingen, was meinen Zyklus komplett durcheinander warf. Plötzlich ovulierte ich an Tag 12 statt wie zuvor an Tag 19, die TCM war im Vergleich zu den „harten Drogen“ viel zu sanft, um so schnell regulieren zu können.

Das Spermiogramm ist 4,5 Monate später normal!

Mein Partner ließ in der Zwischenzeit, 4,5 Monate nach Behandlungsbeginn durch meine Wenigkeit das Spermiogramm wiederholen. Der Corona-Lockdown hatte bereits begonnen und so erfolgte die Befundbesprechung gemeinsam am Telefon. Die Ärztin war sehr happy und meinte, das sei ganz wunderbar so ein Ergebnis, es habe unglaubliche Verbesserungen gegeben und eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg sei nun definitiv möglich, da alle Parameter über den WHO-Empfehlungen lagen. Tatsächlich hatte sich die Spermienzahl verdoppelt und die Anzahl der normalgeformten Spermien war von 1% auf 4% angestiegen. Und das möchte ich betonen, ohne dass sie uns irgendwelche Empfehlungen zur Verbesserung gab, das hab ich alles allein herausgefunden. Das hob natürlich die Motivation trotz meiner etwas schwierigen Zykluslage „wusste“ ich nun, dass wir auf dem richtigen Weg waren.

Ich bin schwanger!

Und jetzt sind wir in der Gegenwart angekommen – 5,5 Monate nach der letzten Fehlgeburt inmitten eines unglaublich seltsamen Zyklus (die Zahnproblematik – inklusive Röntgen zwei Tage vor dem eigentlichen Menstruationstermins) bin ich wieder schwanger geworden. Vor ein paar Wochen waren wir gemeinsam bei der Ärztin im Kinderwunschzentrum, um die Schwangerschaft bestätigen zu lassen (und um ihr zu beweisen, dass wir es können) und haben bereits das Herz unseres Kindes schlagen sehen, ein wunderschöner Moment inmitten des Corona-Wahnsinns, der uns beide sehr glücklich gemacht hat. Die Nachricht haben wir daraufhin mit nahezu allen Freunden geteilt, um es diesmal anders zu machen. Das waren ebenfalls sehr schöne Momente, denn alle kennen unseren schwierigen Weg dahin.

Stellt euch auf eure eigenen Füße!

An dieser Stelle möchte ich mit diesem Happy End aufhören, noch wissen wir nicht, wie es weitergeht. Mit meiner langen und ausführlichen Geschichte möchte ich euch allen zeigen, dass ihr euch unbedingt auf eure eigenen Füße stellen müsst um die für euch passende und beste Behandlung zu bekommen. Die Ärzte agieren meist nach Schema F und jedes Paar ist nun einmal sehr individuell. Ich hoffe sehr, dass euch unsere Geschichte Mut gibt, für euer Glück zu kämpfen.

Hier gehts zu allen Beiträgen von Anna!

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