Mieses Schicksal

Nach 4 Jahren Kinderwunsch, 2 ICSI und 1 Kryo-Transfer hat Nicky in diesem Jahr ein gesundes Baby auf die Welt gebracht. Der Weg war alles andere als einfach: die erste Hormonbehandlung brachte starke Wassereinlagerungen mit sich, bei der zweiten Punktion wurde eine Ader getroffen und als sie endlich schwanger war, hatte sie mit einer Plazentafehllage zu kämpfen. In ihrem Gastbeitrag und auf ihrem Blog nickypedia.de teilt sie ihre Erfahrungen mit uns.

Als wir uns kennenlernten, verachteten wir uns sofort – er war mir unsympathisch und ich ihm. Er war mein Dozent an der Hochschule. Es ging sogar so weit, dass ich seine Vorlesungen mied und mich hinter seinem Rücken über ihn lustig gemacht habe. Irgendwann hatte ich dann eine katastrophale Beziehung mit einem Mann, der mich einengte und sämtliche Kontakte zu anderen Männern und Frauen verbieten wollte, weil alle Personen für ihn eine Konkurrenz zu sein schienen. Auch als ich mich dann von ihn trennte, stalkte er mich und verfolgte mich (wir waren leider Gottes beide an der Hochschule immatrikuliert und liefen uns häufiger über den Weg als mir recht war). Diese Tatsache sorgte dafür, dass mich ein guter Kumpel zum Ablenken und Kopf frei bekommen mit zu einem Absolvententreffen nahm, wo ich meinen verhassten Dozenten antraf. Aber der Abend war alles andere als schlimm. Wir verstanden uns prima, redeten über Gott und die Welt. Plötzlich fand ich ihn gar nicht mehr so schlimm und er mich nicht. Gemeinsamer Nenner: Katastrophale Beziehungen und was sie aus und mit einem machen. Also tauschten wir die Nummern aus und ab da an schrieben wir immer mal wieder. Bald näherte sich mein 27. Geburtstag und ich glaubte – auf Grund des Misstrauens meines Schicksals gegenüber – dass es wohl mein letzter Geburtstag sein würde. Ich wollte ihn besonders feiern. Nicht groß, aber besonders.

Zu diesem Zeitpunkt machte mein Single-Dasein seine Runde und es gab so einige Männer, die mich zu meinem Geburtstag nett ausführen wollten. Ich wurde auch zu einer Weihnachts-Party von einem Professor eingeladen, die genau einen Tag vor meinen Geburtstag stattfand – ich hätte also reinfeiern können. Da ich ein kleiner Streber war (und bin) sagte ich dieser Party zu. Dummerweise waren auch hier Männer anwesend, die sich gegen 0 Uhr einen Kuss von mir erhofften – aber auch mein Dozent war da. Kurzerhand fragte ich ihn gegen 23:30 Uhr, ob wir nicht abhauen wollen – weg von allen und in Ruhe ein Glas Sekt zu zweit trinken. Überraschenderweise sagte er ja und wir gingen schnell und ungesehen weg, hoch aufs Schloss mit Blick über die City. Und Punkt 0 Uhr gab es einen Kuss – mit dem richtigen Mann. Das wohl schönste Geburtstagsgeschenk, dass ich je bekommen habe. Ab da an waren wir zusammen.

Nach 4 Monaten Beziehung entschieden wir uns, dass Schicksal herauszufordern und unserem Kinderwunsch nachzugehen. Nach weiteren 3 Monaten zogen wir zusammen. Nach insgesamt 12 Übungszyklen und keinen zweitem Strich auf dem Schwangerschaftstest wurden wir misstrauisch und begaben uns in eine Kinderwunschklinik. Dort wurde uns mitgeteilt, dass unsere Werte recht miserabel sind. Wir hatten nicht mal eine Chance von 2% auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Diese Diagnose riss uns den Boden unter den Füßen weg. Gleichzeitig entschloss sich meine beste Freundin ebenfalls den Schritt des Kinderwunsches nach zu gehen („Es geht ja nicht, dass ich vor ihr schwanger werde…“). Pille abgesetzt und einen Monat später war sie erfolgreich schwanger. Wir verfluchten das miese Schicksal! Da wir nicht unbedingt reich waren und uns eine Kinderwunschbehandlung nicht voll leisten konnten, entschieden wir uns kurzerhand zur Hochzeit. Wir fanden sogar eine Krankenkasse, die 100% der Behandlungskosten übernehmen würde (siehe Anmerkung unten). Also kämpften wir wieder gegen das Schicksal an und waren guter Dinge!

Immer das Ziel im Auge behalten

Und so starteten wir in unsere 1. ICSI. Ich hatte Angst und Sorge, ob ich das alles schaffen würde. Spritzen in den Bauch selber setzen? No Way! Ich hasse Spritzen und ich kann sie mir schon gar nicht selber setzen. Und dann noch meine erste Narkose bei der Punktion? Mit einer Wahrscheinlichkeit von 32%, dass es überhaupt klappt, dass wir schwanger werden, war ich nicht unbedingt erfreut. Ich ging mit sehr gemischten Gefühlen an die Sache heran. Mein Mann war sich dessen bewusst und versuchte mich zu motivieren, in dem er mir jeden Abend nach den überstandenen Spritzen ein kleines Geschenk für meine Tapferkeit gemacht hat. Es waren natürlich Babysachen – da war der Schmerz der Spritze schnell vergessen. Dennoch war diese Zeit nicht leicht für uns, aber unser Optimismus stieg mit Fortschreiten des Zyklus. Nach dem Transfer waren wir auch schon voller Vorfreude. Leider kam mit einer verfrühten Menstruation die dumpfe Ernüchterung und ich habe bestimmt eine Woche lang durchgeweint. Mit dem Scheitern der 1. ICSI brauchten wir erstmal etwas Zeit, um uns psychisch zu festigen und finanziell wieder etwas Puffer für den zweiten Versuch zu haben (wir haben trotz Kostenübernahme 1200 € zahlen müssen). Ganz davon mal abgesehen, dass mein Körper ganz schön mit den Hormonen zu kämpfen hatte. Ich habe während der Behandlung enorm an Gewicht zugenommen und danach mit starken Wassereinlagerungen zu kämpfen. Dadurch fühlte ich mich angeschlagen und müde, war viel krank und hatte mit den Gelenken zu kämpfen gehabt. Erst nach 4 Monaten war ich wieder auf Normalzustand zurück.

Wie nach jedem Schicksalsschlag musste eine Veränderung her. Mein Mann fand einen neuen Job, wir zogen in eine neue Stadt und bauten uns ein neues Leben mit der Zuversicht auf ein neues Familienmitglied auf. Wir fassten neuen Mut und konnten optimistischer nach vorne schauen. Und so traten wir die 2. ICSI an. Ich bekam pünktlich zum Start Pfeiffer’sches Drüsenfieber und litt enorm darunter. Wir zogen die Behandlung aber durch bis zur Punktion. Es konnten 16 Eizellen entnommen werden und die Befruchtungsrate war sehr viel besser als im Versuch zuvor. Leider hatte ich körperlich ziemlich zu kämpfen. Auch die Punktion hatte ihre Spuren hinterlassen. Der Arzt hat eine Ader getroffen – er sagte belustigt, ich hätte den OP neu tapeziert. Ich bin dadurch schon aus der Narkose schreiend vor Schmerzen aufgewacht und hatte echt lange Zeit starke Schmerzen. Wir entschieden uns den Transfer auf den nächsten Zyklus zu verschieben. Pünktlich zur deutschen Coronazeit im März diesen Jahres war dann der Transfer. Ich war von vornherein pessimistisch – ehrlich gesagt, habe ich mir sogar ein negatives Ergebnis gewünscht. Wir befanden uns nicht wirklich in einer Situation, die für ein Familienzuwachs wünschenswert war. Ich verlor meinen Job, der Lockdown stand vor der Tür und ich hatte keinen neuen Job finden können. Es war eine ziemlich verzweifelte Situation für mich – doch mein Mann war guter Dinge und durch und durch optimistisch. „Irgendwie bekommen wir doch alles hin, oder?“ war seine Aussage dazu. Also hoffte und bangte ich gleichzeitig. Und ich war bis zum Anruf aus der Klinik weiter pessimistisch und fest von einem negativen Ergebnis überzeugt. Ich hatte Blutungen, ich bekam eine Blasenentzündung und hatte 3 Tage so starkes Herzrasen, dass sogar der Notdienst gerufen werden musste. Am Ende waren aber all das die ersten Anzeichen einer Schwangerschaft, die sich dann mit dem Anruf aus der Klinik bestätigte. Es hat also geklappt… unter so schlechten und schwierigen Bedingungen bin ich endlich schwanger geworden. Nach 4 Jahren Kinderwunsch und 2 ICSI und 1 Kryo-Transfer! Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir unter anderen, optimaleren Bedingungen nicht schwanger geworden wären! Manchmal muss eben einfach alles schief gehen, damit es funktioniert.

Danke Corona

Corona kam und wir erwarteten ein Kind… Was für ein Start in eine neue Lebenslage. Zum Glück kam dann der Lockdown und mein Mann wurde ins Homeoffice beordert. Denn das 1. Trimester war alles andere als erfreulich. Mir ging es enorm schlecht, konnte kaum laufen geschweige denn sitzen. Mir war übel, schlecht, schwindlig… Ich zählte jeden Tag und hoffte auf baldige Besserung. Ich war auf seine Unterstützung angewiesen… zum Glück wurde es mit der 14. SSW besser. Ich konnte ganze 6 Wochen mein Glück genießen und dem Schicksal endlich freundschaftlich die Hand reichen, als uns dann der nächste Schlag traf. Diagnose: Plazentafehllage (placenta preavia marginalis). Eigentlich recht selten, in unserem Fall liegt die Wahrscheinlichkeit dafür sogar bei unter 1% (eine künstliche Befruchtung kann eine Plazentafehllage fördern). Ich verfluchte meinen Körper und mein Schicksal. Denn mit der Plazentafehllage wurde ich stark eingeschränkt. Ich durfte vieles nicht mehr machen und es gab erhöhtes Risiko, dass ich Blutungen und/oder eine Frühgeburt erleide. Unser Würmchen sollte aber durchhalten – so lange es natürlich geht. Und so zählte ich Woche für Woche, Meilenstein für Meilenstein und hoffte bis zuletzt auf eine Entwarnung (also dass sich die Plazenta wie üblich nach oben bewegt und den Weg durch den Muttermund frei macht). In der 28. SSW dann die endgültige Aussage: Wir bekommen einen primären Kaiserschnitt, die Plazenta hat sich keinen Zentimeter bewegt. Das war das letzte, was wir wollten. Ich wollte nicht mal einen sekundären Kaiserschnitt, suchte mir sogar eine Klinik aus, die nur im absoluten Notfall einen durchführen würde. Das Schicksal war also doch ein mieser Verräter! Und um dem Schicksal nochmal ganz kräftig eins in die Fresse zu hauen, hatten wir unseren Kaiserschnitt-Termin in der Woche 37+1, 20 Tage vor dem Geburtstermin, am Freitag, den 13. November.

Heute halten wir unser kleines Wunder in den Armen. Jeden Tag auf’s Neue fasziniert es uns und raubt uns den Atem – unser Glück kaum glauben. All diese Mühe, das ganze Geld und die schweren Zeiten haben sich am Ende mega gelohnt. Und weil wir gemeinsam so viel durchgemacht haben, hat es uns in unserer Beziehung nur noch mehr gestärkt und gefestigt.

Der Kaiserschnitt selber war ein sehr traumatisches Erlebnis. Dazu kann ich euch aber nur wärmstens meinen Blog nickypedia.de empfehlen. Dort gibt es einen ausgiebigen Geburtsbericht. Aber Achtung! Nix für schwache Nerven!

In diesem Sinne wünsche ich allen Frauen hier ganz viel Erfolg und ganz viel Glück bei ihrem Kinderwunsch. Niemals aufgeben und sich niemals dem Schicksal ergeben!! Auch ihr werdet es schaffen – auch wenn der Weg noch härter und steiler sein wird, als unserer!

Anmerkung: In Deutschland zahlen Krankenkassen für 3 Kinderwunschbehandlungen allgemein 50% unter bestimmten Bedingungen sogar 100%. Zum Beispiel, wenn beide Ehepartner bei der Versicherung versichert sind. Die Krankenkassen zahlen generell nur die fixen Kosten der Frau. Kosten für den Mann und für die Zusatzleistungen, wie zum Beispiel Assisted Hatching, Embryo Glue oder Akkupunktur, werden da leider nicht übernommen.

2 Gedanken zu “Mieses Schicksal

    1. Vielen Dank Jiuliena!
      Aufgeben ist keine Option 😉 Und jeder Kampf lohnt sich allemal, wenn man sein Herzenswunsch erfüllt bekommt! Ich drück euch für euren Weg ganz fest die Daumen und wünsche euch alles gute!
      LG Nicky

      Gefällt 1 Person

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